Anna Kellner - Englische Märchen

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    • Junker Rowland

      Jung Rowland und seine Brüder,
      Die warfen nach dem Ziel,
      Jung Ellen, ihre Schwester,
      Nahm theil an ihrem Spiel.

      Sanft wurde der Ball geworfen
      Und aufgefangen gemach,
      Dann flog er, mächtig geschleudert,
      Hoch übers Kirchendach.

      Jung Ellen ist um die Ecke geeilt,
      Den Ball sie sucht mit dem Blick.
      Die Brüder warten und warten,
      Doch sie kommt nicht zurück.

      Sie suchen im Osten und Westen,
      Sie rufen in Feld und Wald,
      Doch von Ellen – wie groß ist ihr Jammer! –
      Keine Antwort entgegenschallt.

      Endlich gieng ihr ältester Bruder zu dem Zauberer Merlin, erzählte ihm den Fall und fragte ihn, ob er wüsste, wo Maid Ellen sei.
      »Die holde Maid Ellen,« erwiderte der Zauberer, »muss von den Elfen entführt worden sein, weil sie in entgegengesetzter Richtung zur Sonne um die Kirche gegangen ist. Sie ist nun im finsteren Thurm des Königs vom Elfenland, und es gehört der kühnste Ritter der Christenheit dazu, sie zurückzubringen.«
      »Wenn es möglich ist, sie zurückzubringen,« sagte ihr Bruder, »so werde ich es thun oder das Wagnis mit dem Leben bezahlen.«
      »Möglich ist es,« versetzte Merlin, »aber wehe demjenigen, der es versucht, bevor er genau unterrichtet ist, was er zu thun hat.«
      Der älteste Bruder Maid Ellens hatte keine Angst vor den Gefahren und ließ sich von dem Versuche nicht abhalten. So bat er den Zauberer, ihm zu sagen, was er thun und was er unterlassen müsse, wenn er sich auf die Suche nach seiner Schwester begebe. Nachdem ihn Merlin unterrichtet und er alles wiederholt hatte, machte er sich auf den Weg ins Elfenland.

      Sie harren in Kummer und Zweifel,
      Und Tage und Wochen vergehen,
      Doch wehe dem armen Bruder,
      Denn er ist nicht wieder zu sehen.

      Da wurde der zweite Bruder überdrüssig, noch länger zu warten, und er gieng zum Zauberer Merlin und fragte ihn um Rath, wie sein Bruder. Dann gieng er fort, um Maid Ellen zu suchen.

      Sie harren in Kummer und Zweifel,
      Und Tage und Wochen vergehen,
      Doch wehe dem armen Bruder,
      Denn er ist nicht wieder zu sehen.

      Und als sie lange, lange gewartet hatten, da wollte Junker Rowland, der jüngste von Maid Ellens Brüdern, fortgehen, um sie zu suchen. Und er bat seine Mutter, die gute Königin, ihn fortzulassen. Sie wollte zuerst nichts davon hören, denn er war das letzte und liebste ihrer Kinder, und mit ihm hätte sie alles verloren. Aber er bat und bat immer wieder, so lange, bis die gute Königin es ihm erlaubte, und sie gab ihm seines Vaters gutes Schwert, das traf mit jedem Streich. Als sie es ihm umgürtete, da sprach sie den Zauberspruch, der ihm Sieg verleihen sollte.
      So nahm denn Junker Rowland von der guten Königin, seiner Mutter, Abschied und gieng in die Höhle des Zauberers Merlin.
      »Noch einmal, nur noch ein einzigesmal,« bat er den Zauberer, »sag' mir, wie ich Maid Ellen und ihre beiden Brüder erlösen kann.«
      »Mein Sohn,« erwiderte Merlin, »es sind nur zwei Dinge zu merken, aber so einfach dies scheint, so schwer ist es zu vollbringen. Eines ist zu thun, das andere zu lassen. Zu thun ist Folgendes: Wenn du ins Feenland gekommen bist, so musst du, wenn jemand zu dir spricht, bevor du Maid Ellen siehst, das Schwert deines Vaters ziehen und dem Betreffenden, wer immer es auch sei, den Kopf abschlagen. Und was du lassen musst, ist Folgendes: Iss keinen Bissen, und trinke keinen Tropfen, und wärst du noch so hungrig und durstig; denn trinkst du einen Tropfen und issest du einen Bissen, so lange du im Elfenland bist, so wirst du nie wieder die Mutter Erde sehen.«
      Junker Rowland wiederholte die beiden Dinge wieder und immer wieder, bis er sie auswendig wusste, und er dankte dem Zauberer Merlin und gieng seines Weges. Und er gieng weiter und weiter und immer weiter, bis er zu dem Pferdehirten des Königs von Elfenland kam; der fütterte seine Pferde. Diese erkannte Junker Rowland an ihren feurigen Augen, und so wusste er, dass er endlich im Elfenland war.
      »Kannst du mir sagen,« fragte Junker Rowland den Pferdehirten, »wo der finstere Thurm des Königs von Elfenland ist?«
      »Ich weiß es nicht,« antwortete der Pferdehirt, »aber gehe ein bischen weiter, bis du zum Kuhhirten kommst, der wird es dir vielleicht sagen können.«
      Da zog Junker Rowland, ohne ein Wort zu verlieren, das gute Schwert, das mit jedem Streiche traf, und der Kopf des Pferdehirten flog vom Rumpfe. Junker Rowland gieng weiter, bis er zum Kuhhirten kam, dem er dieselbe Frage vorlegte.
      »Ich kann es dir nicht sagen,« antwortete dieser, »aber gehe ein bischen weiter, bis du zur Hühnerfrau kommst, die weiß es sicherlich.«
      Da zog Junker Rowland sein gutes Schwert, das mit jedem Streiche traf, und der Kopf des Kuhhirten flog vom Rumpfe. Dann gieng er weiter, bis er zu einer alten Frau in einem grauen Mantel kam, und er fragte sie, ob sie wisse, wo der finstere Thurm des Königs von Elfenland sei.
      »Gehe ein wenig weiter,« sagte die Hühnerfrau, »bis du zu einem runden, grünen Hügel kommst, der vom Fuße bis zum Gipfel von Rasenbänken wie von Ringen umgeben ist. Geh' dreimal in entgegengesetzter Richtung zur Sonne herum und sage jedesmal:

      Thüre, Thüre, öffne dich,
      Thüre, Thüre, lass mich ein.

      Und beim drittenmale wird sich die Thüre aufthun, und du kannst hineingehen.«
      Junker Rowland wollte gerade weitergehen, als er sich erinnerte, was er zu thun hatte. So zog er denn das gute Schwert aus der Scheide, das mit jedem Streiche traf, und der Kopf der Hühnerfrau flog vom Rumpfe. Dann zog er weiter und weiter und immer weiter, bis er zu dem runden, grünen Hügel kam, und er gieng dreimal in entgegengesetzter Richtung zur Sonne herum und sagte jedesmal:

      »Thüre, Thüre, thu' dich auf,
      Thüre, Thüre, lass mich ein.«

      Und beim drittenmale that sich die Thüre auf, er trat ein, sie fiel klirrend ins Schloss, und Junker Rowland stand im Dunkeln da.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Es war nicht ganz dunkel, sondern eine Art Zwielicht oder Dämmerung. Es waren weder Fenster noch Kerzen da, und er konnte nicht herausfinden, woher das Zwielicht kam, wahrscheinlich durch die Mauern und das Dach. Diese bestanden aus einem durchsichtigen Felsen, der mit Glimmer und Feldspat und anderen glänzenden Steinen bekleidet war. Trotz der Felsen war die Luft ganz warm, wie immer im Elfenland. Er gieng weiter, bis er zu zwei breiten Flügelthüren kam, welche halb offen standen. Als er sie ganz aufriss, bot sich seinen Blicken ein wundervoller, herrlicher Anblick: eine große Halle, so groß, dass sie so breit und lang zu sein schien wie der ganze grüne Hügel. Das Dach war von schönen Säulen getragen, die waren so hoch, dass die Säulen einer Kathedrale nichts dagegen waren; sie bestanden ganz aus Gold und waren über und über mit Silber in getriebener Arbeit bedeckt. Um die Säulen schlangen sich Blumengewinde aus Diamanten und Smaragden und anderen Edelsteinen. Sogar die Schlusssteine der Bogen waren mit Bouquets aus Diamanten und Rubinen und anderen kostbaren Steinen verziert. Und alle diese Bogen vereinigten sich in der Mitte des Daches, und dort hieng an einer goldenen Kette eine ungeheure Lampe, die aus einer einzigen ausgehöhlten, durchsichtigen Perle bestand. In der Mitte dieser Perle aber befand sich ein riesig großer Karfunkel, der sich immerfort im Kreise drehte und die ganze Halle durch seine Strahlen erleuchtete, so dass es den Eindruck machte, als würde sie von der untergehenden Sonne beschienen.
      An einem Ende der herrlichen Halle befand sich ein wunderschönes Ruhebett, das ganz aus Sammt und Seide und Gold bestand, und darauf saß Maid Ellen und kämmte ihr goldenes Haar mit einem silbernen Kamme. Als sie Junker Rowland sah, stand sie auf und sagte:

      »O Thor, auch du vom Hause fort!
      Was willst du an diesem Ort?
      Mein armer jüngster Bruder,
      Schier bricht mir mein Herz um dich!
      Und hättest du hundert Schwerter,
      Dich rettet nicht Hieb noch Stich.
      Ruh' aus! Doch wehe, wehe!
      Dass jemals du wardst geboren,
      Denn sieht dich der König von Elfenland,
      So bist du ganz verloren.«

      Dann setzten sie sich zusammen hin, und Junker Rowland erzählte seiner Schwester alles, was er gethan hatte, und sie erzählte ihm, wie ihre beiden Brüder den finsteren Thurm erreicht hatten, wie der König von Elfenland sie verzaubert hatte, so dass sie nun da eingesargt lägen, als wären sie todt. Nach einiger Zeit verspürte Junker Rowland großen Hunger und bat seine Schwester, ihm etwas zu essen zu geben; er hatte die Warnung des Zauberers Merlin ganz vergessen.

      Maid Ellen blickte ihn traurig an und schüttelte den Kopf, aber sie war verzaubert und konnte ihn nicht warnen. Sie stand auf und gieng hinaus und kam bald mit einer goldenen Schale zurück, die mit Milch und Brot gefüllt war. Und schon war Junker Rowland im Begriff, die Schale an die Lippen zu führen; da sah er seine Schwester an und erinnerte sich, warum er hergekommen sei. Er schleuderte die Schale zu Boden und sagte: »Keinen Bissen will ich essen, keinen Tropfen will ich trinken, bevor Ellen frei ist.«
      In diesem Augenblicke hörten sie jemand näher kommen, und eine laute Stimme rief:

      »Feh, fei, foh, fum,
      Einen Christen wittere ich hier herum!
      Er sei jung, er sei alt,
      Mit diesem Schwert mach' ich ihn kalt.«

      Die Flügelthüren wurden aufgerissen, und der König von Elfenland stürzte herein.
      »Thue es, wenn du es wagst,« rief Junker Rowland und stürzte ihm mit seinem guten Schwerte entgegen, das noch nie versagt hatte. Sie kämpften und kämpften und kämpften, bis Junker Rowland den König von Elfenland schlug, dass er auf die Knie sank und um Erbarmen flehte.
      Junker Rowland sagte: »Erlöse meine Schwester von deinem Zauber, gib meinen Brüdern das Leben wieder und lass uns alle frei fortziehen, so schenk' ich dir dein Leben.«

      »Ich willige ein,« sagte der König von Elfenland. Er erhob sich und gieng zu einem Schranke, dem er ein Fläschchen entnahm; das war mit einer blutrothen Flüssigkeit gefüllt. Damit bestrich er die Ohren, Augenlider, Nasenlöcher, Lippen und Fingerspitzen der beiden Brüder, die sofort ins Leben zurückkehrten. Sie sagten, ihre Seelen wären aus ihrem Leibe entschwunden gewesen, seien aber nun wiedergekehrt.

      Dann sprach der König der Elfen einige Worte zu Maid Ellen, und sie war erlöst, und sie giengen alle fort aus der Halle und kehrten dem finsteren Thurm den Rücken, um nie wieder zurückzukehren. So kamen sie nach Hause zu der guten Königin, ihrer Mutter. Aber Maid Ellen gieng nie wieder in entgegengesetzter Richtung zur Sonne um eine Kirche herum.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

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    • Herr und Knecht

      Billy Mac Daniel, ein gutmüthiger, aber leichtsinniger Geselle, gieng in einer klaren, frostigen Winternacht, nicht lange nach Weihnachten, heim.

      Der Vollmond schien hell, und es war die herrlichste Nacht, die man sich nur wünschen konnte, aber es war bitter kalt.
      »Meiner Treu,« sagte Billy zähneklappernd, »ein guter Tropfen wäre jetzt nicht ohne. Es friert zum Erbarmen. Ich wollt', ich hätt' ein volles Glas vom Besten.«
      »Du brauchst den Wunsch nicht zweimal auszusprechen,« sagte plötzlich ein Männlein. Das hatte einen goldverschnürten Dreispitz auf dem Kopfe und solche große silberne Schnallen auf den Schuhen, dass es ein Wunder war, wie es sie ertragen konnte. Es hielt ein Glas in der Hand, das war so groß wie das Männlein selbst und bis zum Rande mit einem Tranke gefüllt, wie ihn besser noch kein Auge gesehen, kein Gaumen gekostet hatte.
      Billy Mac Daniel erkannte sehr wohl, dass das Männlein ein Kobold war, trotzdem sagte er furchtlos: »Auf deine Gesundheit, Kleiner! Danke schön. Ich frage nicht, wer die Zeche bezahlt.«

      Und er ergriff das Glas und leerte es auf einen Zug.
      »Wohl bekomm's!« sagte das Männlein, »gern geschehen, Billy. Glaub' aber nicht, dass du mich betrügen wirst, wie du Andere betrogen hast – heraus mit dem Beutel und zahle, wie es einem Ehrenmanne ziemt!«
      »Ich dir bezahlen?« sagte Billy, »ich kann dich ja in meine Tasche stecken wie eine Brombeere!«
      Aber da wurde das Männlein sehr böse.
      »Billy Mac Daniel,« sagte es, »sieben Jahre und einen Tag wirst du mein Knecht sein, auf diese Art werde ich mich bezahlt machen. Folge mir.«
      Als Billy dies hörte, da bedauerte er sehr, so keck gegen das Männlein gewesen zu sein. Er wusste selbst nicht, wie es zugieng, musste aber dem Kobold auf seiner Wanderung folgen, bergauf, bergab, über Hecke und Graben, über Stock und Stein, ohne Ruh' und Rast.
      Als der Morgen graute, wandte sich das Männlein zu ihm um und sagte: »Jetzt kannst du nach Hause gehen, Billy, aber heute nachts kommst du zum Festungsgraben, sonst geht's dir an den Kragen. Wenn du dich aber als guter Knecht bewährst, dann wirst du an mir einen nachsichtigen Herrn haben.«

      Billy Mac Daniel ging heim, aber trotzdem er sehr müde war, schlief er doch keinen Augenblick, so sehr musste er an das Männlein denken. Er fürchtete sich, ihm ungehorsam zu sein, und so stand er denn am Abend auf und gieng zum Festungsgraben.
      Er war noch nicht lange dort, als der Kobold auf ihn zukam und zu ihm sprach: »Billy ich will heute eine große Reise unternehmen, sattle ein Pferd für mich und eines für dich, denn du sollst mich begleiten und dürftest von deiner gestrigen Wanderung her noch müde sein.«
      Billy gestand sich, dass sein Herr sehr rücksichtsvoll sei, und dankte ihm.
      »Gestattet mir, Herr,« fügte er hinzu, »Euch zu fragen, wo der Stall ist. Ich sehe nämlich nichts als die Festung und den Dornbusch dort drüben, den Bach am Fuße des Hügels und das Stück Sumpfland uns gegenüber.«
      »Frag' nicht viel, Billy,« sagte das Männlein, »sondern geh' zu dem Sumpfe hinüber und bringe mir zwei von den stärksten Binsen.«
      Billy that, wie ihm geheißen ward, und wunderte sich, was der Kobold wohl vorhabe.
      Er schnitt zwei der stärksten Binsen ab, die er nur finden konnte und brachte sie seinem Herrn.
      »Steig' auf,« sagte das Männlein; es nahm eine der Binsen und setzte sich rittlings darauf.
      »Wo soll ich aufsteigen, Euer Gnaden?« fragte Billy.
      »Wo? Nun, auf das Pferd doch natürlicherweise, so wie ich«, antwortete das Männlein.
      »Wollt' Ihr mich zum Narren halten? Die Binse soll ich besteigen?« fragte Billy, »wollt' Ihr mir vielleicht gar einreden, dass die Binse, die ich vor einem Weilchen aus dem Sumpfe gezogen habe, ein Pferd ist?«
      »Steig' auf und red' nicht so viel,« sagte das Männlein und sah dabei sehr böse aus; »das beste Pferd, das du je geritten hast, ist nichts im Vergleiche damit.«
      Billy glaubte, er scherze, wollte ihn aber nicht erzürnen und nahm die Binse zwischen die Beine.
      »Borram! Borram! Borram!« – das bedeutet so viel wie: »wachse!« – rief das Männlein, und Billy folgte seinem Beispiel. Sofort verwandelten sich die Binsen in schöne Rosse und galoppierten davon. Billy aber, welcher, ohne weiter darauf zu achten, die Binse zwischen die Beine genommen hatte, saß mit dem Gesichte dem Schweife zugekehrt auf dem Pferde. So unangenehm das auch war, er war nicht im Stande, sich umzudrehen, denn das Pferd galoppierte zu schnell. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sich am Schweife festzuhalten.

      Endlich erreichten sie das Ziel ihrer Reise. Vor dem Thore eines schönen Hauses machten sie Halt.
      »Jetzt, Billy,« sagte das Männlein, »folge mir und thue genau, was ich thue. Da du aber nicht einmal im Stande bist, den Kopf eines Pferdes von seinem Schweife zu unterscheiden, so nimm' dich inacht, sonst wirst du am Ende gar bald nicht mehr wissen, ob du auf deinem Kopfe oder auf deinen Beinen stehst. Bedenke, dass alter Wein zwar eine Katze zum Reden bringen, aber auch einen Menschen stumm machen kann.«
      Das Männlein machte noch einige solcher seltsamer Bemerkungen, die Billy nicht verstehen konnte. Dann giengen sie durch das Schlüsselloch ins Haus und immer weiter durch andere Schlüssellöcher, bis sie in den Weinkeller gelangten; in dem waren alle Arten von Wein zu finden. Das Männlein begann nun zu trinken und trank, so viel es vermochte, und Billy, dem es durchaus nicht unangenehm war, das Gleiche zu thun, folgte seinem Beispiele.

      »Ihr seid wirklich der beste Herr,« sagte Billy, »den es gibt, wer immer auch mein nächster Herr sein mag. Wenn Ihr fortfahrt, mir so reichlich zu trinken zu geben, dann wird mich mein Dienst bei Euch sehr freuen.«
      »Ich lass mich nicht auf Bedingungen ein,« erwiderte das Männlein, »komm' jetzt.«
      Wieder giengen sie durch viele Schlüssellöcher, bestiegen die Binsen, die sie vor dem Hausthor zurückgelassen hatten, und fort gieng's, nachdem sie »Borram, Borram, Borram« gerufen hatten, dass die Wolken vor ihnen wie Schneeflocken herflogen.
      Als sie zu dem Festungsgraben zurückkehrten, entließ das Männlein Billy und befahl ihm, sich am folgenden Abend um dieselbe Zeit wieder an demselben Orte einzufinden. So lebten sie Nacht um Nacht, nahmen einmal ihren Weg dahin, dann dorthin, bald nördlich, bald östlich, manchmal südlich, bis es in ganz Irland keinen Weinkeller mehr gab, den sie nicht besucht hatten. Sie kannten jede einzelne Sorte ebensogut, ja sogar besser als der Kellermeister selbst.
      Eines Nachts, als Billy Mac Daniel seinen Herrn wie gewöhnlich beim Festungsgraben traf und zum Sumpf hinübergieng, um die Pferde zu ihrer Reise zu holen, sagte das Männlein zu ihm: »Billy, heute werde ich noch ein drittes Pferd brauchen, denn wir kommen vielleicht zu Dreien zurück.«

      Billy, der schon wusste, dass es nicht gut sei, seinen Herrn viel zu fragen, brachte also eine dritte Binse und sann darüber nach, wer wohl mit ihnen zurückkommen würde, vielleicht ein zweiter Knecht.
      »Wenn das der Fall ist,« dachte er, »dann muss er jeden Abend die Pferde aus dem Sumpfe holen. Denn ich bin gerade so vornehm wie mein Herr.«
      Sie ritten fort, und Billy führte das dritte Pferd. Sie hielten erst, als sie das schmucke Häuschen eines Pächters in der Grafschaft Limerick erreicht hatten. Das stand in der Nähe des alten Schlosses von Carrigogunniel, welches der große Brian Boru erbaut haben soll. Drinnen gieng es hoch her, und das Männlein blieb einige Zeit draußen stehen und lauschte.
      Plötzlich wendete es sich zu Billy um und sagte: »Billy, morgen bin ich tausend Jahre alt!«
      »Gott behüte und bewahre uns, Herr,« sagte Billy, »wirklich?«
      »Sag' das Wort nicht wieder, Billy,« sagte das alte Männlein, »sonst ist's um mich geschehen. Da ich nun morgen tausend Jahre alt werde, so denk' ich, Billy, es ist hohe Zeit für mich, zu heiraten.«
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    • »Das denk' ich auch,« erwiderte Billy, »wenn Ihr überhaupt heiraten wollt.«
      »Und zu dem Zwecke,« sagte der Kobold, »bin ich den weiten Weg nach Carrigogunniel hergekommen, denn hier in diesem Hause sollen noch heute abends Darby Riley und Bridget Rooney getraut werden. Und da sie ein hübsches, schlankes Mädchen und aus anständiger Familie ist, so gedenke ich sie selbst zu heiraten und sie gleich mitzunehmen.«
      »Was wird aber Darby Riley dazu sagen?« fragte Billy.
      »Schweig'!« rief das Männlein mit strengem Blick, »ich hab' dich nicht mitgebracht, damit du müßige Fragen stellst.«
      Ohne sich in weitere Erörterungen einzulassen, begann er die seltsamen Worte zu sprechen, welche ihm die Macht verliehen, durch Schlüssellöcher zu gelangen. Billy, der sich für ungeheuer klug hielt, weil er diese Worte nachsprechen konnte, folgte ihm.

      Sie gingen Beide hinein. Das Männlein setzte sich, um die Gesellschaft besser überblicken zu können, wie ein Spatz auf einen der großen Balken, welche die Decke entlang liefen, und Billy setzte sich auf einen anderen Balken, ihm gegenüber. Aber er war an eine solche Sitzart nicht gewöhnt, und ihm schlenkerten die Beine herunter; hätte er sich seinen Herrn zum Muster genommen, so wäre es besser gegangen, der saß so gemüthlich mit gekreuzten Beinen da, als wäre er sein Leben lang ein Schneider gewesen.

      Herr und Knecht betrachteten nun von oben das lustige Treiben. Unter ihnen saßen der Pfarrer und der Pfeifer und Darby Riley's Vater, seine beiden Brüder und sein Vetter, die Eltern Bridget Rooney's, die heute abends ganz besonders stolz waren auf ihre Tochter und mit gutem Rechte, dann ihre vier Schwestern mit nagelneuen Bändern auf ihren Häubchen und ihre drei Brüder, die so sauber und klug dreinblickten, und dann waren Onkel und Tanten, Vettern und Basen genug da. Die Speisen und Getränke auf dem Tische hätten für doppelt so viel Leute gereicht.

      Mrs. Rooney hatte gerade Seiner Ehrwürden das erste Stück von dem mit Wälschkohl schön aufgeputzten Schweinskopfe vorgelegt, als die Braut plötzlich nieste. Alle Gäste fuhren zusammen, aber kein einziger sagte: »Helf' Gott!«

      Alle glaubten nämlich, dass der Pfarrer dies thun würde, und niemand wollte ihm das Wort aus dem Munde nehmen, der war aber leider mit dem Schweinskopf und dem Gemüse beschäftigt. Nach einer kleinen Pause gieng die Lustbarkeit weiter, und niemand dachte daran, den frommen Wunsch zu sprechen. Herr und Knecht hatten von ihrer Höhe den Umstand wohl bemerkt.
      »Ha!« rief das Männlein aus und streckte in seiner Freude ein Bein vor sich hin; seine Augen leuchteten, und er zog die Augenbrauen in die Höhe. »Ha!« wiederholte er, und dabei grinste er nach der Braut hin und dann zu Billy hinüber. »Nun ist sie zur Hälfte mein! Wenn sie noch zweimal niest, dann gehört sie mir, trotz Priester, Messbuch und Darby Riley!«

      Wieder nieste die holde Bridget, aber so leise, und sie erröthete dabei so sehr, dass niemand außer dem Kobold es bemerkte oder zu bemerken schien, und niemand dachte daran, »Helf' Gott!« zu sagen.
      Billy betrachtete das arme Mädchen die ganze Zeit über mit schmerzlichen Blicken. Er musste immerfort daran denken, wie schrecklich es sei, daß ein schönes Mädchen von neunzehn Jahren mit großen, blauen Augen, Grübchenwangen und blendender Hautfarbe, strahlend von Gesundheit und Glück, die Frau eines hässlichen, kleinen Kerlchens werden sollte, dem zu tausend Jahren nur ein Tag fehlte.

      Als der entscheidende Augenblick kam und Bridget zum drittenmal nieste, da brüllte Billy aus Leibeskräften: »Helf' Gott!«

      Aber kaum waren diese Worte heraus, da sprang das Männlein von dem Balken, auf dem es gehockt hatte, sein Gesicht glühte vor Wuth und Enttäuschung, und mit schriller, kreischender Stimme, die wie ein geborstener Dudelsack klang, rief er: »Du bist aus meinen Diensten entlassen, Billy Mac Daniel – hier, das ist dein Lohn!«

      Mit diesen Worten versetzte er Billy einen wüthenden Stoß in den Rücken, und der unglückliche Knecht fiel mitten auf den festlichen Tisch.

      Wenn Billy erstaunt war, wie viel mehr waren es erst die Gäste, in deren Mitte er so mir nichts dir nichts hineingerathen war!

      Aber als sie seine Geschichte hörten, da legte Pater Rooney Gabel und Messer hin und traute das junge Paar auf der Stelle. Billy Mac Daniel tanzte die Rika und trank fleißig; ein guter Tropfen war ihm doch noch lieber als der schönste Tanz.
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    • Die kluge Kate

      Es war einmal ein König und eine Königin. Der König hatte aus erster Ehe eine Tochter, Anne, und die Königin eine namens Kate, aber Anne war viel schöner, als die Tochter der Königin, doch liebten die Beiden einander wie wirkliche Schwestern. Die Königin war eifersüchtig darauf, dass die Tochter des Königs schöner war, als ihre eigene, und sann darüber nach, wie sie ihre Schönheit verderben könnte. Sie berieth sich mit der Hühnerfrau, und die sagte, sie möge ihr das Mädchen am folgenden Morgen schicken, aber bevor sie etwas gegessen hätte.

      Früh am folgenden Morgen sagte die Königin zu Anne: »Geh', liebes Kind, zur Hühnerfrau und bringe mir einige Eier.«
      Anne gieng, aber als sie durch die Küche kam, sah sie eine Brotkruste liegen, die nahm sie mit und knusperte unterwegs daran.

      Als sie zur Hühnerfrau kam, bat sie sie um Eier, wie ihr geheißen ward; die Hühnerfrau sagte ihr: »Hebe den Deckel von jenem Topfe auf und schau' hinein.« Das Mädchen that es, aber es ereignete sich nichts.
      »Geh' nach Hause zu Deiner Mutter und sag' ihr, sie möge die Thür zur Speisekammer besser schließen,« sagte die Hühnerfrau.

      Anne gieng nach Hause und bestellte der Königin, was ihr die Hühnerfrau aufgetragen hatte. Daraus ersah die Königin, dass das Mädchen, bevor es zur Hühnerfrau kam, etwas gegessen haben müsse; sie gab also am folgenden Morgen acht und schickte sie fort, ohne daß sie einen Bissen genossen hatte. Aber die Prinzessin sah unterwegs einige Landleute Erbsen abpflücken, und da sie sehr freundlich war, sprach sie zu den Leuten und nahm eine Hand voll Erbsen, die sie unterwegs aß.
      Als sie zur Hühnerfrau kam, sagte diese: »Hebe den Deckel von jenem Topf auf und schau' hinein.« Wieder hob Anne den Deckel auf, aber es ereignete sich nichts.

      Da wurde die Hühnerfrau sehr böse und sagte: »Sag' Deiner Mutter, ohne Feuer siedet kein Topf.«
      Anne ging heim und sagte es der Königin.

      Am folgenden Tage begleitete die Königin das Mädchen zur Hühnerfrau. Als Anne diesmal den Deckel vom Topf abhob, fiel ihr hübscher Kopf ab, und statt dessen saß der Kopf eines Schafes auf ihren Schultern. Die Königin war nun zufrieden und gieng nach Hause.

      Ihre Tochter Kate aber nahm ein feines Linnentuch und hüllte den Kopf ihrer Schwester darein, dann ergriff sie ihre Hand, und sie giengen zusammen fort, um ihr Glück zu suchen. Sie wanderten weiter und immer weiter, bis sie zu einem Schlosse kamen. Kate klopfte an und bat um ein Nachtlager für sich und eine kranke Schwester. Sie traten ein und sahen, dass sie sich in einem königlichen Schlosse befanden. Der König hatte zwei Söhne, von denen der eine todtkrank war, aber Keiner wusste, was ihm fehlte.

      Seltsam war, dass, wer immer eine Nacht bei ihm wachte, für immer verschwand. So bot denn der König jedem, der bei ihm aufbleiben wollte, eine Metze Silber an. Kate war ein sehr tapferes Mädchen, sie erbot sich also, bei ihm zu wachen.

      Bis Mitternacht gieng alles gut. Als die Uhr zwölf schlug, da stand der kranke Prinz auf, kleidete sich an und schlüpfte die Treppe hinunter. Kate folgte ihm, aber er schien sie nicht zu bemerken. Er gieng in den Stall, sattelte sein Pferd, rief seinen Jagdhund und sprang in den Sattel; Kate saß hinter ihm auf. So ritten die Beiden durch den grünen Wald, und Kate pflückte im Vorbeireiten Nüsse von den Bäumen und that sie in ihre Schürze. Sie ritten immer weiter, bis sie zu einem grünen Hügel kamen. Da zog der Prinz die Zügel an und sagte: »Thu' dich auf, thu' dich auf, grüner Hügel, und laß den jungen Prinzen ein und sein Pferd und seinen Hund.« Da fügte Kate hinzu: »Und das Mädchen hinter ihm.«

      Sofort that sich der grüne Hügel auf, und sie gingen hinein. Der Prinz trat in eine hellbeleuchtete, prächtige Halle ein, da umringten ihn viele Elfen und führten ihn zum Tanze. Kate hatte sich unbemerkt hinter der Thür versteckt. Da sah sie wie der Prinz tanzte und immerfort tanzte und tanzte, bis er nicht mehr weiter konnte und auf ein Ruhebett niedersank. Dann fächelten ihn die Elfen, bis er sich wieder erheben und weitertanzen konnte. Endlich krähte der Hahn, da beeilte sich der Prinz, wieder aufzusitzen, Kate sprang hinter ihm auf das Pferd, und sie ritten heim.

      Als die Morgensonne aufstieg, fand man Kate beim Kaminfeuer sitzen, wo sie ihre Nüsse knackte. Sie sagte, der Prinz hätte eine gute Nacht gehabt, sie würde aber nur dann auch die folgende Nacht bei ihm aufbleiben, wenn sie dafür eine Metze Gold erhielte. Die zweite Nacht verging wie die erste. Um Mitternacht erhob sich der Prinz und ritt zu dem grünen Hügel zum Feenball, und Kate begleitete ihn und pflückte Nüsse, als sie durch den Wald ritten. Diesmal bewachte sie den Prinzen nicht, denn sie wußte, er würde tanzen und immerfort tanzen. Sie sah ein Elfenkind mit einem Stabe spielen und hörte, wie eine der Elfen sagte: »Drei Schläge mit diesem Stabe würden Kate's kranker Schwester ihre Schönheit wieder geben.«

      Da rollte Kate Nüsse zu dem Elfenkinde hinüber, und das that sie so lange, bis das Kind zu den Nüssen hintorkelte und den Stab fallen ließ. Kate hob ihn auf und steckte ihn in ihre Schürze. Beim ersten Hahnenschrei ritten sie wie früher nach Hause, und kaum waren sie ins Schloß gekommen, so eilte sie zu Anne und berührte sie drei Mal mit dem Stabe, da fiel der häßliche Schafskopf ab, und ihre Schwester war wieder die alte schöne Anne. Die dritte Nacht wollte Kate nur unter der Bedingung beim kranken Prinzen wachen, daß sie ihn zum Manne bekomme.

      Alles verlief wie in den beiden ersten Nächten. Diesmal spielte das Elfenkind mit einem Vogel, und Kate hörte, wie eine der Elfen sagte: »Drei Bissen dieses Vogels würden den kranken Prinzen wieder so gesund machen, wie er einst war.« Da rollte Kate alle Nüsse, die sie besaß, dem Elfenkinde hinüber, bis es den Vogel fallen ließ. Auch diesen that Kate in ihre Schürze.

      Beim ersten Hahnenschrei ritten sie wieder heim, aber dieses Mal knackte Kate keine Nüsse, sondern rupfte den Vogel ab und kochte ihn. Ein köstlicher Duft drang durch das Zimmer. »Ach!«, sagte der Prinz, »ich möchte so gern' ein Stückchen von diesem Vogel essen!«

      Da gab ihm Kate einen Bissen, und er stützte sich auf den Ellbogen. Dann rief er wieder: »Ach, wenn ich doch noch einen Bissen von dem Vogel bekäme!«

      Da gab ihm Kate wieder ein Stückchen, und er setzte sich im Bette auf. Dann sagte er wieder: »Ach, ich möchte so gern noch ein einziges Stückchen von dem Vogel!«

      Da gab ihm Kate den dritten Bissen, und er war gesund und stark und stand auf und kleidete sich an und setzte sich an das Kaminfeuer. Und als die Leute am nächsten Morgen eintraten, fanden sie Kate und den jungen Prinzen damit beschäftigt, Nüsse zu knacken.

      Inzwischen hatte sein Bruder Anne gesehen und sich in sie verliebt, wie Jeder, der ihr schönes, süßes Gesicht sah. So heirathete der kranke Königssohn die gesunde Schwester, und der gesunde Sohn heiratete die kranke Schwester, und sie lebten alle glücklich bis an ihr seliges Ende.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Jack, der Riesentödter

      Zur Zeit, als König Arthur regierte, da lebte in der Grafschaft Cornwall, dort, wo England im Westen zu Ende geht, ein reicher Bauer. Dieser hatte einen einzigen Sohn namens Jack, der war gewandt, klug und schlagfertig, und was er nicht durch Kraft und Stärke ausrichten konnte, das erreichte er durch Schlauheit und List. Es gab keinen Menschen, der ihm je über gewesen wäre, und sehr oft kamen selbst die Gelehrtesten gegen seinen Witz und seine Geistesgegenwart nicht auf.

      In jenen Tagen lebte auf einer Insel, Berg von Cornwall genannt, ein ungeheurer Riese von wildem, grimmigem Aussehen, achtzehn Fuß hoch und drei Ellen im Umfang, der war der Schrecken aller umliegenden Städte und Dörfer. Er wohnte in einer Höhle inmitten des Berges, und niemand durfte sich in seine Nähe wagen. Seine Nahrung bestand in anderer Leute Vieh, das ihm oft zur Beute fiel, denn so oft er hungrig war, watete er zum Festland hinüber und eignete sich an, was ihm in den Weg kam. Sobald die guten Leute ihn von ferne erblickten, verließen sie ihre Wohnungen, er aber plünderte ihre Ställe. Es war ihm gar nichts, ein halbes Dutzend Ochsen auf einmal auf dem Rücken zu tragen, und Schafe und Schweine band er sich wie ein Schwertgehänge um den Leib. Diese Lebensweise führte er viele Jahre hindurch, so dass ganz Cornwall infolge dieser Plünderungen verarmte.

      Eines Tages war Jack zufällig bei der Sitzung anwesend, welche die Stadträthe nach einem neuen Raubzuge des Riesen auf dem Rathhause abhielten, und fragte, welche Belohnung derjenige erhalten würde, der den Riesen tödtete. »Den Schatz des Riesen,« lautete die Antwort.

      »Dann wag' ich's,« sagte Jack.

      Er rüstete sich mit einem Horn, einer Schaufel und einer Axt aus und fuhr bei Anbruch einer dunklen Winternacht zu der Berginsel hinüber. Dort machte er sich an die Arbeit, und bevor der Morgen graute, hatte er eine Grube gegraben, die war zweiundzwanzig Fuß tief und fast ebenso breit. Er deckte sie mit langen Stecken und Stroh zu und streute dann ein wenig Erde darüber, so dass der Boden aussah wie zuvor. Als er damit fertig war, stellte er sich an die Seite der Grube, die am weitesten von der Höhle des Riesen entfernt war, und gerade bei Tagesanbruch setzte er das Horn an den Mund und blies: »Trara! Trara!«

      Das unerwartete Geräusch weckte den Riesen auf. Er stürzte aus seiner Höhle hervor und schrie: »Du elender Kerl, bist du hieher gekommen, um meine Ruhe zu stören? Das wird dir theuer zu stehen kommen. Ich muss Genugthuung haben, und zwar werde ich dich, wie du stehst und gehst, zum Frühstück braten.«

      Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als er auch schon in die Grube stürzte und mit seinem Falle den Berg in seinen Grundfesten erschütterte.

      »Nun, Herr Riese,« fragte Jack, »wo sind Sie denn? Wahrhaftig jetzt sitzen Sie in der Klemme, und ich werd' Ihnen Ihre Drohung tüchtig heimzahlen. Wie denken Sie nun darüber, mich zum Frühstück zu braten? Muss es denn gerade der arme Jack sein?«

      Nachdem er den Riesen so eine Zeitlang gequält hatte, versetzte er ihm mit der Axt einen tüchtigen Hieb mitten auf den Kopf, so dass er auf der Stelle todt war.

      Darauf füllte Jack die Grube mit Erde aus und gieng in die Höhle, in welcher er viele Schätze fand.

      Als der Stadtrath die frohe Kunde vernahm, beschloss er, dass Jack fortab den Beinamen Riesentödter führen solle, und beschenkte ihn mit einem Schwert und einem Gurt, auf welchem folgende Worte in Gold gestickt waren:

      »Das ist aus Cornwall der tapfere Mann,
      Der erschlug den Riesen Cormelian.«

      Die Nachricht von Jacks Heldenthat verbreitete sich bald über den ganzen Westen von England, und als ein anderer Riese, Blunderbore mit Namen, davon hörte, schwur er, an dem kleinen Helden Rache zu nehmen, wenn er je das Glück haben sollte, auf ihn zu stoßen. Dieser Riese war der Besitzer eines verwunschenen Schlosses, das mitten in einem einsamen Walde stand. Ungefähr vier Monate später kam Jack, der auf der Reise nach Wales begriffen war, durch diesen Wald. Er war müde und setzte sich bei einer frischen Quelle hin, um auszuruhen; bald war er fest eingeschlafen. Da entdeckte ihn der Riese, der gerade daher kam, um sich Wasser zu holen; an der Inschrift auf seinem Gurt erkannte er sofort, dass dies der weit und breit berühmte Jack war. Ohne viele Umstände lud er ihn auf seine Schultern und trug ihn in sein verwunschenes Schloss. Als sie durch ein Dickicht kamen, erwachte Jack von dem Knacken der Zweige, und er war sehr überrascht, sich in den Klauen des Riesen zu finden. Aber wie erschrack er erst, als er beim Eintritt in das Schloss den Boden mit menschlichen Gebeinen bedeckt sah, welche bald, sagte ihm der Riese, um die seinigen vermehrt werden würden. Darauf schloss er den armen Jack in ein ungeheures Zimmer ein und gieng fort, um einen anderen Riesen zu holen, der in demselben Walde lebte; der sollte ihm helfen, Jack ums Leben zu bringen. In seiner Abwesenheit wurde Jack durch fürchterliches Kreischen und Wehgeheul in Schrecken versetzt. Er trat ans Fenster und sah von Weitem die beiden Riesen kommen. »Jetzt,« sagte Jack zu sich, »steht mir der Tod oder meine Erlösung bevor.«

      In einer Ecke des Zimmers lagen dicke Seile. Er nahm zwei davon und machte am Ende eine starke Schlinge, und während die Riesen das eiserne Thor des Schlosses aufsperrten, warf er ihnen die Schlingen über den Kopf. Die anderen Enden legte er um einen Balken, dann zog er mit aller Macht und erdrosselte sie auf diese Weise. Als sie schon ganz schwarz im Gesicht waren, ließ er sich an dem Seil zu ihnen herab, bis er auf ihren Köpfen stand. Da zog er sein Schwert und erschlug sie beide. Nun nahm er dem Riesen die Schlüssel ab und öffnete die anderen Zimmer, da fand er drei schöne Jungfrauen, die der Riese an ihrem Haar festgebunden hatte. Sie waren fast verhungert.

      »Holde Jungfrauen,« sagte Jack, »ich habe das Ungeheuer und seinen scheußlichen Bruder getödtet und so Eure Freiheit erwirkt.«

      Mit diesen Worten überreichte er ihnen die Schlüssel und setzte seine Reise so schnell als möglich fort. Aber er verirrte sich, die Nacht überfiel ihn, und er konnte kein Obdach finden, bis er endlich in ein enges Thal kam, wo ein großes Haus stand. In seiner Noth klopfte er an das Thor, aber wie groß war sein Schrecken, als ein ungeheurer Riese mit zwei Köpfen erschien! Doch hatte er kein so wildes Aussehen wie die früheren Riesen, denn er war ein Wälscher, und er verübte seine Greuelthaten auf geheime und listige Weise. Jack schilderte dem Riesen seine Lage und dieser wies ihm ein Schlafzimmer an. In der Stille der Nacht hörte nun Jack seinen Wirt im anstoßenden Gemach folgende Worte murmeln:

      »Er schlafe ruhig diese Nacht,
      Doch morgen früh er nicht erwacht;
      Denn dann ist längst er umgebracht.«

      »Steht die Geschichte so,« sagte Jack, »du hast einen deiner wälschen Streiche im Sinn; aber da bist du an den Rechten gerathen.«

      Er stieg aus dem Bett, legte ein Scheit Holz hinein und versteckte sich in einer Ecke des Zimmers. Mitten in der Nacht kam der wälsche Riese herein und hob mit seiner Keule auf das Bett los; natürlich glaubte er, dass er Jack jeden Knochen im Leibe gebrochen hätte. Am nächsten Morgen dankte Jack, der sich heimlich ins Fäustchen lachte, dem Riesen herzlich für das Nachtlager.
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    • »Wie hast du geruht?« fragte ihn der Riese, »hast du in der Nacht nichts gespürt?«
      »Nichts,« erwiderte Jack, »nur hat mir eine Ratte einen und den anderen Klaps mit ihrem Schwanze versetzt.«

      Höchlich erstaunt führte der Riese Jack zum Frühstück und brachte ihm eine Schüssel, die vier Maß dicke Mehlsuppe enthielt. Da Jack den Riesen nicht merken lassen wollte, dass dies zu viel für ihn sei, so that er einen großen Lederbeutel unter seinen weiten Rock und schüttete, ohne dass der Riese es sah, den größten Theil der Suppe hinein. Dann sagte er seinem Wirt, er wolle ihm ein Kunststück zeigen. Er nahm ein Messer und schlitzte damit den Lederbeutel auf, so dass die ganze Mehlsuppe herauslief.

      Darauf versetzte das Ungeheuer: »Potz tausend, das Kunststück kann ich auch,« ergriff das Messer, schlitzte sich den Bauch auf und fiel todt zu Boden.

      Um diese Zeit geschah es, dass der einzige Sohn König Arthurs seinen Vater um eine große Summe Geldes bat. Er wollte sein Glück im Fürstenthum Wales versuchen; dort lebte eine schöne Jungfrau, die von sieben bösen Geistern besessen war. Vergebens suchte der König seinen Sohn von seinem Vorhaben abzubringen, endlich kam er seinem Wunsche nach, und der Prinz machte sich mit zwei Pferden auf den Weg. Das eine war mit Gold beladen, das andere ritt er. Nach einigen Tagreisen kam er in einen Marktflecken in Wales, wo er eine große Menschenmenge versammelt sah. Als der Prinz nach der Ursache dieser Ansammlung fragte, erhielt er die Antwort, dass die Leute einen Leichnam mit Beschlag belegt hatten, weil ihnen der Verstorbene zu seinen Lebzeiten eine große Geldsumme schuldete. Der Prinz sprach sein Bedauern darüber aus, dass Gläubiger so grausam sein konnten, und sagte: »Geht, begrabt den Todten und schickt seine Gläubiger in meine Wohnung, ich werde die Schulden bezahlen.«

      Die Gläubiger kamen, aber in solcher Anzahl, dass dem Prinzen vor Einbruch der Nacht fast nichts von seinem Gelde übrig geblieben war.

      Jack, der Riesentödter, der gerade des Weges kam, war so hingerissen von der Großmuth des Prinzen, dass er den Wunsch aussprach, in seine Dienste zu treten. Nachdem sie sich geeinigt hatten, setzten sie am nächsten Morgen gemeinsam die Reise fort. Als sie aus der Stadt ritten, rief ein altes Weib den Prinzen an und sagte: »Er ist mir sieben Jahre lang zwei Pence schuldig geblieben, bitte, zahlt mir die Schuld, so gut wie Ihr sie den andern bezahlt habt.«

      Der Prinz griff in die Tasche und gab der Frau alles, was er noch besaß, so dass am Abend, nachdem Jack für ihren Imbiss all sein Geld ausgegeben hatte, beiden zusammen kein Heller mehr übrig geblieben war. Als die Sonne unterzugehen begann, sagte der Königssohn: »Wo werden wir heute nachts schlafen, Jack, da wir kein Geld mehr haben?«

      Aber Jack erwiderte: »Es wird uns ganz wohl ergehen, Herr, denn ich habe einen Onkel, der zwei Meilen von hier wohnt. Er ist ein ungeheurer Riese mit drei Köpfen, der es mit fünfhundert bewaffneten Männern aufnimmt und sie in die Flucht schlägt.«
      »Ach,« seufzte der Prinz, »was sollen wir dort? Er wird uns sicherlich auf einen Bissen verzehren; nein, wir werden ihm nicht einmal einen hohlen Zahn ausfüllen!«
      »Davon ist nicht die Rede,« antwortete Jack, »ich will vorausgehen und Euch die Wege ebnen, verzieht hier und wartet, bis ich zurückkehre.«
      Jack ritt nun im schnellsten Galopp davon, und als er bei dem Schloss angelangt war, klopfte er so laut an das Thor, dass die umliegenden Hügel erdröhnten.
      Der Riese brüllte, dass es wie das Rollen des Donners klang: »Wer da?«
      »Nur Dein armer Vetter Jack,« war die Antwort.
      Da frug er wieder: »Was bringt mein armer Vetter Jack für Nachrichten?«
      Jack erwiderte: »Böse Nachrichten, weiß Gott, lieber Onkel.«
      »Ich bitte dich,« sagte der Riese, »wie kann es für mich böse Nachrichten geben? Du weißt, dass ich es mit fünfhundert bewaffneten Männern aufnehme, und dass sie wie Spreu im Winde vor mir zerstieben.«
      »Jawohl, aber der Sohn des Königs ist mit tausend bewaffneten Männern im Anzuge, um dich zu tödten und alle deine Besitzungen zu verwüsten.«
      »Ach, Vetter Jack,« rief der Riese aus, »das sind wirklich böse Nachrichten! Ich will mich schnell verstecken, schließe und riegle du fest hinter mir zu und behalte die Schlüssel, bis der Prinz wieder fort ist.«

      Nachdem Jack sich so vor dem Riesen geschützt hatte, holte er seinen Herrn, und sie ließen sich's beide wohlgehen, während der arme Riese zitternd in einem unterirdischen Gewölbe lag. Am nächsten Morgen versah Jack den Prinzen reichlich mit Gold und Silber und ließ ihn drei Meilen vorausreiten. Als er längst aus der Spurweite des Riesen war, ließ Jack den Riesen aus dem Gewölbe heraus, und sein Onkel fragte ihn, was er ihm dafür geben sollte, dass er das Schloss vor der Zerstörung bewahrt hatte.
      »Ich verlange nichts,« sagte Jack, »als den alten Rock, die Kappe, das alte rostige Schwert und die Pantoffeln, die sich zu Häupten deines Bettes befinden.«
      »Du sollst sie haben,« erwiderte der Riese. »Behalte sie zur Erinnerung an mich, sie werden dir von außerordentlichem Nutzen sein. Der Rock wird dich unsichtbar machen, die Mütze wird dir Allwissenheit verleihen, das Schwert schneidet entzwei, was immer du auch damit berührst, und die Schuhe verleihen ungewöhnliche Schnelligkeit. Sie können dir nützlich sein, vom Herzen gern geb' ich sie dir.«

      Jack nahm sie und dankte seinem Onkel. Dann holte er rasch seinen Herrn ein, und bald erreichten sie das Haus der Jungfrau, welche der Prinz suchte. Als sie sah, dass der Prinz ein Freier war, bereitete sie ein glänzendes Mahl für ihn. Am Schlusse desselben wischte sie sich die Lippen mit einem Taschentuch ab und sagte: »Morgen früh müsst Ihr mir dieses Taschentuch zeigen, sonst kostet's Euch den Hals.« Bei diesen Worten steckte sie das Taschentuch in ihren Busen.

      Kummervollen Herzens gieng der Prinz zu Bette, aber Jacks Kappe der Allwissenheit lehrte ihn, wie er in den Besitz des Taschentuches gelangen konnte. Um Mitternacht berief die Jungfrau ihren vertrauten Geist, dass er sie zu Lucifer trage. Aber Jack zog den Rock an, der ihn unsichtbar machte, und fuhr in die Siebenmeilenschuhe, und so kam er mit ihr zugleich an. Als sie das Haus des Bösen betrat, gab sie dem alten Lucifer das Taschentuch, das that er auf ein Sims. Aber Jack nahm es von dort und brachte es seinem Herrn, und der zeigte es am folgenden Tage der Jungfrau, und so entgieng er dem Tode.

      An diesem Tage küsste sie den Prinzen und sagte ihm, morgen früh müsse er ihr die Lippen zeigen, die sie den Abend zuvor geküsst, sonst verliere er seinen Kopf.
      »Gewiss werd' ich das, wenn Ihr keine anderen Lippen küsst, als die meinigen,« erwiderte er.
      »Das ist ganz gleich,« sagte sie, »könnt' Ihr's nicht, dann ist Euch der Tod gewiss!«
      Um Mitternacht gieng sie wie nachts zuvor zu Lucifer und war böse auf ihn, dass er sich das Taschentuch hatte entwenden lassen. »Nun aber,« sagte sie, »wird es dem Königssohn schon schwerer werden, denn ich werde dich küssen, und er muss mir deine Lippen zeigen.«
      Gesagt, gethan. Aber Jack, der daneben stand, hieb dem Teufel den Kopf ab und brachte ihn unter seinem unsichtbaren Rock seinem Herrn, der ihn am nächsten Morgen in Gegenwart der Jungfrau bei den Hörnern hervorzog.

      Da war der böse Zauber gebrochen, und sie erstrahlte in ihrer ganzen Schönheit. Am folgenden Morgen heirateten sie und begaben sich bald darauf an den Hof König Arthurs, wo Jack für seine Heldenthaten zum Ritter der Tafelrunde geschlagen wurde.

      Nachdem Jack so alle seine Unternehmungen geglückt waren, beschloss er, nicht müßig auf seinen Lorbeeren auszuruhen, sondern alles, was in seiner Kraft stand, zur Ehre seines Königs und seines Vaterlandes zu thun. Und so bat er den König Arthur, ihn mit einem Pferde und dem nöthigen Gelde auszurüsten, damit er sich auf die Suche nach neuen, seltsamen Abenteuern begeben könne. »Denn, Majestät,« sagte er zum Könige, »es gibt noch viele Riesen in den entfernten Theilen von Wales, die zum unaussprechlichen Schaden Eurer Unterthanen ihr Wesen treiben. Wenn es also Euerer Majestät gefällt, mich darin zu unterstützen, so zweifle ich nicht daran, dass es mir in kurzer Zeit gelingen wird, sie mit Stumpf und Stiel auszurotten und so das ganze Königreich von den Riesen und Ungeheuern zu befreien.«
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    • Als der König von Jacks edlem Vorhaben hörte, rüstete er ihn mit allem Nöthigen aus, und Jack machte sich auf den Weg. Er nahm die Kappe der Allwissenheit, das Schwert der Schnelligkeit, die Siebenmeilenschuhe und den unsichtbaren Rock mit, damit er sein gefährliches Vorhaben leichter ausführen könne.

      Jack kam über hohe, wunderbare Berge, und als er am dritten Tage einen großen Wald betrat, drang ihm furchtbares Kreischen und Schreien entgegen.

      Er ließ seine Blicke umherschweifen und gewahrte mit Schrecken einen ungeheuren Riesen, der eine schöne Frau und einen Ritter so gemächlich an ihrem Haare hinter sich herzog, wie man ein Paar Handschuhe trägt. Bei diesem Anblick vergoß Jack Thränen des Mitleids. Er sprang vom Pferde, zog seinen unsichtbaren Rock an und hieb mit einem Schwung seines scharfen Schwertes dem Riesen beide Beine unter dem Knie ab, so dass bei seinem Fall die Bäume zitterten. Darauf dankten der höfliche Ritter und seine holde Dame ihm herzlich und luden ihn in ihr Haus ein, damit er sich nach der furchtbaren Anstrengung erfrische und für seinen großen Dienst eine reiche Belohnung erhalte. Aber Jack schwur, nicht eher zu ruhen, als bis er die Höhle des Riesen gefunden. Als der Ritter dies hörte, versetzte er sehr betrübt: »Edler Fremdling, es wäre zu viel, sich noch einmal in Gefahr zu begeben. Das Ungeheuer wohnt zusammen mit einem noch wilderen und scheußlicheren Bruder in einer Höhle in dem Berge dort drüben. Es wäre herzbrechend für mich und meine Dame, wenn Ihr dorthin gienget und den Tod fändet. Ich bitt' Euch also, kommt mit uns und steht von weiterer Verfolgung ab.«

      »Nein,« erwiderte Jack, »und wären ihrer zwanzig, so sollte keiner meinem Zorn entgehen. Aber wenn ich mein Vorhaben ausgeführt habe, dann will ich kommen und Euch meine Aufwartung machen.«

      Jack war kaum ein und eine halbe Meile weiter geritten, als er der von dem Ritter erwähnten Höhle ansichtig wurde. Vor derselben saß auf einem Holzblock der Riese, an der Seite hatte er eine knorrige Eisenkeule; Jack vermuthete, daß er die Rückkehr seines grausamen Bruders und dessen Beute erwartete. Seine Glotzaugen waren wie feurige Flammen, seine Zunge grimmig und scheußlich, seine Backen wie zwei große Speckseiten, die Borsten an seinem Kinn wie Eisenruthen und die Locken, die auf seine fleischigen Schultern niederfielen, wie Schlangen oder zischende Nattern. Jack sprang vom Pferde, zog seinen unsichtbaren Rock an, näherte sich dem Riesen und sagte leise: »Ah, bist du da? Es wird nicht lange dauern, so werde ich dich fest beim Bart zausen.«

      Da der Riese ihn nicht sehen konnte, so kam Jack ganz nahe heran und versetzte ihm mit seinem Schwert einen Hieb auf den Kopf, verfehlte aber sein Ziel und schnitt ihm die Nase ab. Da begann das Ungeheuer zu brüllen, dass es wie das Rollen des Donners klang, und schwang seine Eisenkeule wie ein Wahnsinniger.

      Aber Jack rannte nach hinten und trieb sein Schwert bis zum Heft dem Riesen in den Rücken, dass er todt niedersank. Darauf hieb ihm Jack den Kopf ab und sandte diesen sammt dem Kopf seines Bruders durch einen Fuhrmann, den er zu diesem Zwecke mietete, an König Arthur.

      Nun beschloss Jack, in der Höhle des Riesen nach Schätzen zu suchen. Durch viele Windungen und Krümmungen kam er endlich in ein großes Zimmer, das mit Sandstein gepflastert war. An dem oberen Ende desselben befand sich ein siedender Kessel und rechts davon ein großer Tisch, an welchem die Riesen zu essen pflegten. Als er ein eisenvergittertes Fenster sah, blickte er durch dasselbe und gewahrte ein großes, ödes Feld voll unglücklicher Gefangener, welche, als sie ihn erblickten, ausriefen: »Ach, du Armer, bist du ein Leidensgenosse?«

      »Jawohl,« versetzte Jack, »aber bitte, sagt mir, zu welchem Zwecke seid ihr hier gefangen?«
      »So oft die Riesen Lust verspüren zu einer Schmauserei,« versetzte einer von ihnen, »wird der fetteste von uns getödtet! Und ach, wie oft überkommt sie die Lust dazu!«
      »Steht es so«, sagte Jack, und auf der Stelle schloss er das Thor auf und setzte sie in Freiheit. Sie freuten sich alle über Maßen.

      Dann durchsuchte Jack die Truhen der Riesen und vertheilte das vorgefundene Gold und Silber gleichmäßig unter ihnen.
      Bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen machten sich die Gefangenen alle auf den Weg in ihre Heimat, und Jack bestieg sein Pferd, um seine Reise fortzusetzen. Dank der Anleitung des Ritters erreichte er dessen Haus um die Mittagsstunde. Er wurde von dem Ritter und seiner Gemahlin mit großen Freudenbezeugungen empfangen, und es wurde ein Fest zu seinen Ehren gegeben, das viele Tage dauerte, und an dem der ganze Adel der Nachbarschaft theilnahm. Der würdige Ritter beschenkte Jack mit einem schönen Ringe, auf welchem im Bilde zu sehen war, wie der Riese den unglücklichen Ritter und seine Gemahlin fortschleppte.

      Aber mitten in all dem Jubel brachte ein Bote die traurige Mär, dass ein gewisser Thunderdell, ein zweiköpfiger Riese, der von dem Tode seiner beiden Verwandten gehört hatte, aus dem Norden des Landes herbeigeeilt sei, um an Jack Rache zu nehmen. Er war nur noch eine Meile von dem Schlosse des Ritters entfernt, und die Leute flohen vor ihm wie Spreu. Aber Jack erschrack nicht im geringsten, sondern sagte: »Er mag nur kommen! Ich habe ein Hühnchen mit ihm zu rupfen. Gehen Sie, meine Damen und Herren, nur ruhig in den Garten, Sie können von dort den Fall und Tod des Riesen Thunderdell mit ansehen.«

      Das Haus des Ritters lag mitten auf einer kleinen Insel, die von einem dreißig Fuß tiefen und zwanzig Fuß breiten Wassergraben umgeben war, über welchen eine Zugbrücke führte. Gegen die Mitte zu sägte nun Jack mit Hilfe einiger Männer die Brücke an beiden Seiten durch, dann zog er seinen unsichtbaren Rock an und marschierte, das scharfe Schwert in der Hand, auf den Riesen los. Obgleich der Riese Jack nicht sehen konnte, so roch er doch seine Nähe und begann zu schreien:

      »Feh, fei, foh, fum!
      Ich riech' einen Menschen hier herum;
      Er sei lebendig, er sei todt,
      Aus seinen Knochen mahl' ich Brot.«

      »Nach deinen Worten zu schließen, bist du ja ein fürchterlicher Müller,« sagte Jack.

      Darauf schrie der Riese wieder: »Bist du der Elende, der meine Vettern erschlug? Dann will ich dich mit meinen Zähnen zerreißen, dein Blut aussaugen und deine Knochen zu Pulver zermahlen.«

      »Da musst du mich aber erst haben,« erwiderte Jack. Mit diesen Worten warf er seinen unsichtbaren Rock ab, damit ihn der Riese sehe, und nachdem er seine Siebenmeilenschuhe angezogen hatte, rannte er fort. Der Riese folgte ihm wie ein wanderndes Castell, so dass die Erde bei jedem seiner Schritte in ihren Grundfesten zu erzittern schien. Auf langen Umwegen, damit die Herren und Damen im Garten es sähen, führte Jack so den Riesen an der Nase herum; endlich rannte er, um der Sache ein Ende zu machen, über die Zugbrücke, der Riese, so schnell er konnte, mit seiner Keule hinterdrein. Als aber der Riese in die Mitte der Brücke gekommen war, brach dieselbe unter seiner großen Schwere, und er plumpste kopfüber in das Wasser, wo er sich wie ein Walfisch umherwälzte. Jack stand am Graben und lachte ihn aus; aber obwohl der Riese darob vor Wuth schäumte und in dem Graben rathlos herumfuhr, so konnte er doch nicht heraus, um sich zu rächen. Endlich nahm Jack ein Wagenseil, warf es dem Riesen um seine beiden Köpfe und zog ihn mit Hilfe von zwei Pferden heraus. Darauf schnitt er ihm mit seinem scharfen Schwerte beide Köpfe ab und schickte dieselben dem Könige Arthur.
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    • Nachdem Jack einige Zeit der Muße gepflegt hatte, nahm er von den Damen und Rittern Abschied und gieng auf neue Abenteuer aus. Durch viele Wälder kam er und gelangte endlich an den Fuß eines Berges. Dort stand ein einsames Haus, und da es spät in der Nacht war, klopfte er an das Thor. Ein alter Mann mit schneeweißem Haupthaar öffnete ihm.

      »Vater,« sagte Jack, »könnt Ihr einem Reisenden, den die Nacht überrascht hat, Unterkunft geben?«
      »Jawohl,« erwiderte der alte Mann, »sei willkommen in meiner armen Hütte.«
      Darauf trat Jack ein, sie setzten sich zusammen nieder, und der alte Mann begann folgendermaßen: »Mein Sohn, ich merke, du bist der große Riesentödter. Siehst du das verwunschene Schloss da oben auf dem Gipfel des Berges, mein Sohn? Das bewohnt ein Riese namens Galligantus, der lockt mit Hilfe eines alten Zauberers viele Ritter und Damen in sein Schloss, wo er sie durch magische Kunst in allerlei Gestalten verwandelt. Vor allem aber beklage ich das Unglück eines Herzogs, dessen Tochter sie aus seinem Garten entführten.

      In einem brennenden, von feurigen Drachen gezogenen Wagen brachten sie sie durch die Lüfte in das Schloss, wo sie sie in eine weiße Hirschkuh verwandelten. Und trotzdem schon viele Ritter versucht haben, den Zauber zu brechen und sie zu befreien, so ist es doch noch keinem gelungen, denn am Thore des Schlosses stehen zwei furchtbare Greife, welche jeden tödten, der sich naht. Aber du, mein Sohn, besitzest ja einen Rock, der dich unsichtbar macht, du kannst ungesehen an ihnen vorbeikommen. Über den Thoren des Schlosses steht in großen Lettern geschrieben, auf welche Art der Zauber gebrochen werden kann.«

      Als der alte Mann geendet hatte, reichte Jack ihm die Hand und gab ihm das Versprechen, am folgenden Morgen sein Leben zu wagen, um die Jungfrau zu befreien.

      In der Früh stand Jack auf und bereitete sich zu seinem Unternehmen vor, indem er seinen unsichtbaren Rock und die Siebenmeilenschuhe anzog und die Kappe der Allwissenheit aufsetzte. Als er den Gipfel des Berges erreicht hatte, sah er sogleich die beiden feurigen Greife, gieng aber, da er seinen unsichtbaren Rock anhatte, ohne Furcht an ihnen vorüber. Über dem Thore sah er an einer Silberkette eine goldene Trompete hängen, und darunter waren folgende Zeilen eingraviert:

      In wessen Hand dies Horn erschallt,
      Der schlägt den Riesen mit Gewalt;
      Gen schwarze Kunst ist er gefeit,
      Und alle werden durch ihn befreit.

      Kaum hatte Jack dies gelesen, als er auch schon in die Trompete stieß, worauf das Schloss in seinen Grundfesten zu erzittern begann. Der Riese aber und der Zauberer, die nun wussten, dass ihre Herrlichkeit zu Ende war, bissen sich in ihrer Verzweiflung in die Daumen und rissen sich das Haar aus dem Kopfe. Endlich bückte sich der Riese, um seine Keule aufzuheben, da trennte ihm Jack mit einem Hieb den Kopf vom Rumpfe, worauf der Zauberer in die Luft flog und von einem Wirbelwind davongetragen wurde. Somit war der Zauber gebrochen, all die Damen und Ritter, die so lange in Vögel und Thiere verwandelt waren, nahmen ihre frühere Gestalt wieder an, und das Schloss verschwand in einer Rauchwolke. In gewohnter Weise sandte nun Jack den Kopf des Riesen an den Hof König Arthurs; er selbst folgte mit den Damen und Rittern, die er auf so ehrenvolle Weise erlöst hatte, am folgenden Tage nach.

      Zur Belohnung für seine treuen Dienste bewog der König den erwähnten Herzog, dem biederen Jack seine Tochter zur Frau zu geben. So feierten sie denn ihre Hochzeit, und das ganze Königreich nahm an der Freude theil. Der König verlieh Jack ein herrliches Gut mit einem sehr schönen Schlosse, wo der Riesentödter und seine Gemahlin sehr froh und glücklich bis an ihr Ende lebten.
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    • Der rothe Ettin

      Es war einmal eine Witwe, die hatte von einem Pächter einen kleinen Acker gemietet, und davon bestritt sie ihren Unterhalt. Sie hatte zwei Söhne, und es kam die Zeit, dass sie fortziehen mussten, ihr Glück in der Welt zu suchen. Eines Tages sagte sie also ihrem älteren Sohne, er möchte ihr in einem Kruge Wasser vom Brunnen bringen, damit sie ihm einen Kuchen backe. Sie sagte ihm ferner, dass der Kuchen klein oder groß ausfallen würde, je nachdem er wenig oder viel Wasser bringe, und dass sie ihm außer diesem Kuchen nichts auf die Reise mitgeben könne.

      Der Bursche gieng mit dem Kruge zum Brunnen, füllte ihn mit Wasser und kam wieder heim, aber der Krug war zerbrochen, und so war der größte Theil des Wassers herausgeronnen, bevor er nach Hause kam. Sein Kuchen gerieth also nur sehr klein. Trotzdem fragte ihn seine Mutter, ob er die Hälfte davon mit ihrem Segen oder den ganzen Kuchen mit ihrem Fluche haben wolle. Der Sohn dachte, er würde wohl weit zu wandern haben, und es war ungewiss, wann oder wie er wieder etwas zu essen bekommen würde; so sagte er denn, er wolle den ganzen Kuchen haben. Er erhielt ihn mit ihrem Fluche. Dann übergab er heimlich seinem Bruder ein Messer und bat ihn, es aufzubewahren, bis er wiederkäme. Doch sollte er es jeden Morgen ansehen. So lange es rein war, konnte er sicher sein, dass sein Besitzer sich wohl befinde; wurde es aber trübe und rostig, dann war ihm Übles widerfahren.

      Der junge Mann gieng also fort, um sein Glück zu versuchen. Er wanderte zwei Tage lang dahin, am dritten Tag stieß er nachmittags auf eine Schafherde mit ihrem Hirten. Diesen fragte er, wem die Schafe gehörten, und erhielt folgende Antwort:

      »Der rothe Ettin von Irenland
      Wohnt' einst in Ballygant;
      Er hat König Malcom's Tochter geraubt,
      Die Prinzessin von Schottland.

      Er bindet sie, er züchtigt sie,
      Er macht, was ihm gefällt,
      Wie Julian, der Römer,
      Trotzt er der ganzen Welt.

      Wohl ist vom Schicksal bestimmt ihm
      Durch Menschenhand der Tod –
      Doch der Mann ist noch nicht geboren;
      Da hat's lange noch keine Noth.«

      Dann warnte ihn der Hirte vor den Thieren; die er demnächst treffen würde, denn sie seien ganz anders als alle anderen, die er je gesehen hätte.

      Der junge Bursche gieng weiter, und nach einiger Zeit sah er eine ganze Menge schrecklicher Thiere; die hatten zwei Köpfe und auf jedem Kopf vier Hörner. Er erschrack sehr und rannte davon, so schnell er konnte und war sehr froh, als er zu einem Schlosse kam. Das stand auf einem Hügel, und das Thor war weit offen. Er gieng hinein, um Schutz zu suchen, und da sah er eine alte Frau beim Feuer sitzen. Er fragte sie, ob er nicht die Nacht über dableiben könnte, er sei von seiner langen Reise sehr ermüdet. Sie antwortete, er dürfe wohl bleiben, doch das Haus gehöre dem rothen Ettin; das sei ein schreckliches Thier mit drei Köpfen, das kein menschliches Wesen schone, wenn es in seine Gewalt gerathe.

      Der junge Mensch hätte sich nun am liebsten entfernt, aber er fürchtete sich vor den Thieren außerhalb des Schlosses; so bat er denn die alte Frau, ihn so gut als möglich zu verstecken und dem rothen Ettin seine Anwesenheit nicht zu verrathen. Er dachte, wenn er nur die Nacht über bleiben könnte, so würde es ihm möglich sein, am Morgen zu entfliehen, ohne von den Thieren gesehen zu werden.

      Er war noch nicht lange in seinem Versteck, als der scheußliche Ettin hereinkam. Und kaum war er da, so schrie er auch schon:

      »Feh, fei, foh, fum!
      Ich riech' einen Menschen hier herum;
      Er sei lebendig, er sei todt,
      Aus seinen Knochen mahl' ich Brot.«

      Bald fand er den armen Burschen und zog ihn aus seinem Loche hervor. Doch sagte er ihm, dass er sein Leben schonen wolle, wenn er imstande sei, drei Fragen zu beantworten. Da fragte der erste Kopf des rothen Ettin: »Ein Ding ohne Ende, was ist das?«
      Der junge Mensch wusste es nicht.
      Da fragte der zweite Kopf: »Je kleiner, desto gefährlicher ist's; was ist das?«
      Der junge Mensch wusste es nicht.
      Zuletzt fragte der dritte Kopf: »Todtes trägt Lebendiges; was ist das?«
      Der junge Mensch wusste auch das nicht. Da er keine einzige der drei Fragen hatte beantworten können, so holte der rothe Ettin eine Keule, versetzte ihm damit einen Schlag auf den Kopf und verwandelte ihn in eine Steinsäule.

      An dem Morgen, nachdem dies geschehen war, betrachtete der jüngere Bruder das Messer und war sehr betrübt, als er es ganz mit Rost bedeckt fand. Er sagte zu seiner Mutter, dass nun auch für ihn die Zeit gekommen sei, fortzuziehen, und sie hieß ihn Wasser holen, damit sie ihm einen Kuchen backe. Er gieng, und als er das Wasser nach Hause trug, rief ihm ein Rabe aus den Lüften zu, er solle sich umschauen, dann würde er sehen, dass das Wasser aus dem Kruge herausfließe. Und da er ein geweckter Bursche war, so verstopfte er die Löcher des Kruges mit etwas Lehm, und so brachte er genug Wasser für einen großen Kuchen nach Hause. Als ihm seine Mutter vorschlug, die Hälfte des Kuchens mit ihrem Segen anstatt den ganzen mit ihrem Fluche zu nehmen, da zog er den halben Kuchen vor, und der war immer noch größer als der ganze seines Bruders.

      Er machte sich also auf den Weg, und nachdem er schon sehr weit gegangen war, traf er eine alte Frau, die fragte ihn, ob er ihr nicht ein Stückchen von seinem Kuchen geben möchte.
      »Sehr gern,« antwortete er und gab ihr ein Stück davon, und sie schenkte ihm dafür einen Zauberstab. Die alte Frau, die eigentlich eine Fee war, sagte ihm, dass der Stab ihm sehr nützlich sein würde, wenn er ihn richtig anwendete. Sie sagte ihm ferner, was ihm widerfahren würde, und was er in den betreffenden Fällen thun müsse. Einen Augenblick später war sie seinen Blicken entschwunden.

      Er gieng weiter und immer weiter, und da traf er den alten Mann, der die Schafe hütete. Er fragte ihn, wem die Schafe gehörten, und erhielt folgende Antwort:

      »Der rothe Ettin von Irenland
      Wohnt' einst in Ballygant,
      Er hat König Malcolm's Tochter geraubt,
      Die Prinzessin von Schottland.

      Er bindet sie, er züchtigt sie,
      Er macht, was ihm gefällt.
      Wie Julian, der Römer,
      Trotzt er der ganzen Welt.

      Doch Schicksal treulich sich erfüllt,
      Du schlägst ihn mit deiner Hand,
      Und du wirst dann, ich seh' es klar,
      Der Herr von diesem Land.«
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Als er zu der Stelle kam, wo die scheußlichen Thiere sich befanden, blieb er weder stehen, noch lief er davon, sondern gieng kühn mitten durch. Brüllend kam eines von ihnen mit offenem Rachen auf ihn los, um ihn zu zerreißen, da schlug er es mit seinem Zauberstabe, dass es augenblicklich todt zu seinen Füßen niedersank. Dann gieng er zu dem Schlosse des rothen Ettin, klopfte an und wurde eingelassen. Die alte Frau, welche am Feuer saß, theilte ihm warnend mit, wer der furchtbare Ettin sei, und welches Schicksal seinen Bruder ereilt habe. Aber er ließ sich nicht abschrecken. Da kam das Ungeheuer herein und sagte:

      »Feh, fei, foh, fum,
      Ich riech' einen Menschen hier herum;
      Er sei lebendig, er sei todt,
      Aus seinen Knochen mahl' ich Brot.«

      Er erblickte den jungen Menschen und befahl ihm vorzutreten. Dann stellte er die drei Fragen an ihn. Da ihm aber die Fee alles gesagt hatte, so war er auch imstande, alle Fragen zu beantworten.
      Der erste Kopf fragte: »Ein Ding ohne Ende, was ist das?«
      Er antwortete: »Eine Kugel.«
      Der zweite Kopf fragte: »Je kleiner, desto gefährlicher ist's, was ist das?«
      Er antwortete sofort: »Eine Brücke.«
      Zuletzt fragte der dritte Kopf: »Todtes trägt Lebendiges, was ist das?«
      Da antwortete der junge Mann sofort: »Ein Schiff mit seiner Bemannung.«
      Als der rothe Ettin dies hörte, da wusste er, dass seine Macht zu Ende war. Der junge Mensch nahm eine Axt und hieb dem Ungeheuer alle drei Köpfe ab. Dann forderte er die alte Frau auf, ihm zu zeigen, wo sich die Königstochter befand. Sie führte ihn die Treppe hinauf und öffnete viele Thüren, und da kam aus jeder Thür eine schöne Jungfrau hervor. Sie alle hatte Ettin hier gefangen gehalten, und eine von ihnen war die Königstochter. Dann führte ihn die alte Frau in ein unterirdisches Gemach, dort stand eine steinerne Säule. Aber er berührte sie mit seinem Zauberstabe, da kehrte sein Bruder ins Leben zurück. Alle Gefangenen freuten sich über die Maßen ihrer Erlösung und dankten dem jungen Menschen herzlich.

      Am nächsten Tage machten sie sich alle nach dem Hofe des Königs auf; es war eine stattliche Gesellschaft. Und der König gab seine Tochter ihrem Befreier zur Frau, und seinen älteren Bruder verheiratete er mit der Tochter eines Edelmannes. Und so lebten sie alle glücklich bis an ihr Ende.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Mister Miacca

      Tommy Grimes war manchmal ein artiger und manchmal ein schlimmer Junge; wenn er aber ein schlimmer Junge war, dann war er auch schon ein sehr schlimmer Junge.

      Seine Mutter pflegte ihm oft zu sagen: »Tommy, Tommy, sei schön artig und geh' nicht allein auf die Straße, sonst wird der Mister Miacca kommen und dich holen.«

      Wenn Tommy aber ein ungezogener Junge war, so gieng er doch allein auf die Straße. Eines Tages war er kaum um die Ecke gekommen, als auch schon Mister Miacca ihn packte. Er that ihn mit dem Kopf nach unten und den Füßen nach oben in einen Sack und nahm ihn mit nach Hause.

      Dort angekommen, zog er ihn aus dem Sack hervor, stellte ihn hin und betastete seine Arme und Beine.
      »Du bist ein bischen zähe,« sagte er, »aber ich hab' nichts anderes zum Abendessen, und beim Kochen wird sich's schon geben. Aber meiner Treu, jetzt hab' ich das Gemüse vergessen, und ohne Gemüse wirst du mir nicht schmecken. Sally! Du, Sally, komm' her!« rief er seine Frau.

      Sie kam aus dem anderen Zimmer und fragte: »Was willst du, mein Schatz?«
      »Ah, ich hab' da einen kleinen Jungen fürs Abendessen mitgebracht,« sagte Mister Miacca, »und ganz das Gemüse vergessen. Bitte, gib auf ihn acht, während ich es hole.«

      »Schon recht, lieber Mann,« antwortete Frau Miacca, und Mister Miacca gieng.
      Da sagte Tommy Grimes zu Frau Miacca: »Isst Mister Miacca immer kleine Buben zum Nachtmahl?«
      »Größtentheils,« sagte Frau Miacca, »wenn die kleinen Jungen schlimm sind und ihm in den Weg laufen.«
      »Und haben Sie sonst nichts als Bubenfleisch? Keinen Pudding?« fragte Tommy.
      »Ach, ich esse Pudding so gern!« antwortete Frau Miacca, »aber unsereins bekommt nicht oft Pudding zu sehen.«
      »Meine Mutter macht gerade heute einen Pudding,« sagte Tommy Grimes, »und ich bin davon überzeugt, dass sie Ihnen ein bischen davon gibt, wenn ich sie darum bitte. Soll ich schnell hinlaufen und ihn holen?«
      »Du bist wirklich ein braver Junge,« sagte Frau Miacca, »aber bleib' nicht zu lang' aus und komm' nur ja rechtzeitig vor dem Abendessen zurück!«
      Tommy machte sich eiligst aus dem Staube und war froh, so leichten Kaufes davonzukommen. Eine Zeitlang war er so brav, als man sich's nur wünschen konnte, und gieng nie allein auf die Straße. Aber es war so schwer, immer artig zu sein, und so gieng er eines Tages wieder allein um die Ecke. Der Zufall wollte, dass in demselben Augenblick wieder Mister Miacca vorbeikam; der packte ihn, that ihn in seinen Sack und nahm ihn mit nach Hause.

      Dort angekommen, ließ er ihn aus dem Sack, und als er ihn näher betrachtete, sagte er: »Aha, du bist der junge Herr, der mir und meiner Frau neulich einen so schlimmen Streich gespielt und uns um unser Abendessen gebracht hat. Na, das wird nicht wieder vorkommen. Heut' werd' ich selber auf dich acht geben. Da, kriech' unter das Sofa, ich werde mich draufsetzen und warten, bis das Wasser zu sieden beginnt.«

      So musste denn der arme Tommy Grimes unter das Sofa kriechen, und Mister Miacca setzte sich drauf und wartete, bis das Wasser zu sieden begann. Und sie warteten und warteten, aber das Wasser wollte nicht kochen, und endlich wurde Mister Miacca ungeduldig und sagte: »Du, dort unten, ich will nicht länger warten. Steck' dein Bein heraus, sonst läufst du mir am Ende wieder davon.«
      Tommy steckte ein Bein heraus, und Mister Miacca nahm ein Hackmesser, hackte es ab und warf es in den Topf.
      Plötzlich rief er: »Sally, liebe Sally!«
      Aber niemand antwortete. Da gieng er ins nächste Zimmer, um zu sehen, wo Frau Miacca blieb. Rasch kroch Tommy unter dem Sofa hervor und rannte zur Thür hinaus. Denn er hatte Mister Miacca statt seines Beines ein Sofabein hingehalten.

      So kam er glücklich nach Hause und nie wieder gieng er, so lange er klein war, allein auf die Straße.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

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    • Der Lindwurm von Lambton

      Vor vielen, vielen Jahren führte der junge Erbe von Lambton ein leichtsinniges, wüstes Leben. Er kümmerte sich weder um Gott, noch um die Menschen und gieng am Sonntagmorgen viel lieber auf den Fischfang, als zur heiligen Messe. So war er eines Sonntags wieder damit beschäftigt, seine Angelruthe in den Wearfluss zu werfen. Als er das mehrmals ohne Erfolg gethan hatte, begann er vor Wuth heftig zu fluchen. Das erregte Ärgernis unter seinen Pächtern und Knechten, die gerade vorbeikamen, denn sie waren alle auf dem Wege nach der Kapelle von Brugeford begriffen.

      Gleich darauf spürte er, dass etwas an seiner Angel zog, und in der Hoffnung, dass er endlich einen großen, schönen Fisch gefangen habe, wendete er all seine Kraft und Geschicklichkeit daran, seine Beute herauszuziehen. Aber wie groß war seine Enttäuschung und sein Entsetzen, als er anstatt eines Fisches einen scheußlichen Lindwurm zu seinen Füßen sah! Rasch riss er das Unthier vom Angelhaken los und warf es in einen Brunnen in seiner Nähe. Der heißt Lindwurmbrunnen bis auf den heutigen Tag.

      Kaum hatte der junge Erbe seine Angel wieder in den Strom geworfen, als ein Fremdling von sehr ehrwürdigem Aussehen vorbeikam. Er fragte ihn, ob er reichlichen Fang gethan habe.

      Darauf antwortete der junge Lord: »Ich glaube wirklich, ich hab' den Teufel in höchsteigener Person gefangen. Schau' dort in den Brunnen hinein und überzeug' dich selbst.«

      Der Fremdling blickte hinein und sagte, dass er nie in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen habe. Es sehe einer Eidechse ähnlich, habe aber an jeder Seite des Rachens neun Öffnungen. Dann fügte er hinzu, er fürchte sehr, das bedeute nichts Gutes.

      Unbeachtet blieb der Lindwurm in dem Brunnen, der dem täglich größer werdenden Ungethüm bald zu eng wurde. Es kroch hervor und war von nun ab tagsüber im Wear. In der Mitte desselben befand sich ein Felsen, und dort lag er zusammengerollt da. Des Nachts aber kroch der Lindwurm zu einem Berge, der sich in der Nähe befand. Er wurde immer größer und größer, so dass er bald den Berg dreimal umringeln konnte. Der Berg heißt Lindwurmberg bis auf den heutigen Tag. Er ist von länglicher Form und ungefähr eine und eine halbe Meile vom Lambtonschlosse entfernt.

      Bald war das Ungethüm der Schrecken des ganzen Landes. Es sog den Kühen die Milch aus, erwürgte das Vieh, verschlang die Lämmer und plünderte die hilflosen Bauern in jeder Weise. Nachdem es das linke Ufer des Stromes vollständig verwüstet hatte, kam es auf das rechte Ufer hinüber, in die Nähe des Schlosses Lambton. Dort lebte der alte Lord allein und verlassen, Sein Sohn hatte endlich über sein wüstes Leben Reue empfunden und in fernen Ländern Kriegsdienste genommen.

      Als die Bewohner des Schlosses vernahmen, dass ihr Feind nahe, versammelten sie sich erschreckt und hielten Rath. Der eine sprach dies, der andere jenes; endlich rieth der Verwalter, ein alter, erfahrener Mann, man solle den großen Trog im Hofe unverzüglich mit Milch füllen. Das geschah. Das Ungeheuer kam und trank die Milch aus, dann kehrte es, ohne jemandem etwas zu Leide zu thun, in den Fluss und von da zu dem Berge zurück. Am nächsten Tage kam der Lindwurm wieder. Eiligst füllte man den Trog mit Milch, und er trank ihn von neuem leer. Die Milch von neun Kühen war nöthig, um den Trog zu füllen. Regelmäßig kam nun das Ungethüm und gieng ruhig wieder davon, nachdem es den Trog geleert hatte. Nur wenn derselbe nicht ganz voll war, dann gerieth es in eine furchtbare Wuth, schlang seinen Schweif um die Bäume im Park und entwurzelte sie. Die Schreckenskunde von dem Unthier hatte sich über das ganze Land verbreitet, und manch tapferer Ritter hatte den Kampf mit dem Ungeheuer aufgenommen, aber vergebens, denn wenn es selbst entzwei gehauen wurde, so wuchsen die Theile immer wieder zusammen; umsonst wurden so viele Menschenleben geopfert, das Unthier blieb doch im ungestörten Besitze des Berges und seiner nächsten Umgebung.

      Nach sieben langen Jahren kehrte der Erbe von Lambton in die Heimat zurück, durch mancherlei Erfahrungen gewitzigt und gebessert. Das Land seiner Väter war verwüstet, seine Leute beinahe zugrunde gerichtet, der Vater, von Kummer und Sorge gebeugt, stand mit einem Fuße im Grabe. Der junge Lord gönnte sich keine Ruhe. Er setzte über den Strom und betrachtete den Lindwurm, der, wie immer, um dem Hügel gerollt dalag. Als er hörte, wie es den anderen Rittern im Kampfe mit dem Unthier ergangen war, holte er sich bei einer Wahrsagerin Rath.

      Diese schalt ihn zuerst in heftiger Weise, dass er diese Geißel über sein Haus und das ganze Land gebracht hatte. Aber als sie sah, welch tiefe Reue er empfand, und dass er um jeden Preis das Land von dem selbstverschuldeten Übel befreien wollte, da gab sie ihm Rath und Weisung. Er sollte seine beste Rüstung dicht mit Lanzenspitzen besetzen lassen und sie anlegen. Dann sollte er sich auf den Felsen mitten im Strome begeben und dort im Vertrauen auf sein gutes Schwert und auf die gütige Vorsehung den Feind erwarten. Aber bevor er in den Kampf zog, musste er schwören, dass er im Falle seines Sieges das erste lebende Wesen, das ihm auf dem Heimwege begegnete tödten würde. Wenn er diesen Schwur nicht erfüllte, dann würde neun Geschlechter hindurch kein Lord von Lambton eines natürlichen Todes sterben.

      Der junge Lord leistete den feierlichen Eid in der Kapelle zu Brugeford. Dann legte er die Rüstung an, welche ganz mit Lanzenspitzen besetzt war, und begab sich mit gezogenem Schwerte auf den Felsen im Wear. Um die gewohnte Stunde rollte sich der Lindwurm auf und nahm seinen Weg zum Schlosse. Als er an dem Felsen vorbeikam, auf welchem der Ritter seiner harrte, da versetzte ihm dieser einen wuchtigen Hieb auf den Kopf. Wüthend, wenn auch unverletzt, schlang das Ungeheuer seinen Schweif um ihn, um ihn zu erwürgen.

      Nun sah der Ritter, wie wertvoll der Rath der Wahrsagerin war. Je enger das Ungethüm ihn umschlang, desto mehr tödtliche Wunden brachte es sich selbst bei; bald war der Fluss von seinem Blute roth gefärbt. Da das Ungeheuer infolge des Blutverlustes immer schwächer wurde, gelang es dem Ritter endlich, es in zwei Hälften zu spalten. Diesmal war es aber dem Lindwurm unmöglich, wieder zusammenzuwachsen, denn die heftige Strömung riss gleich die eine Hälfte mit sich fort; so wurde das Land von dem Ungethüme befreit.

      Während des langen, verzweifelten Kampfes beteten sämmtliche Bewohner des Schlosses für den jungen Lord. Er hatte versprochen, wenn er als Sieger aus dem Kampfe hervorgehe, in sein Horn zu stoßen. Das sollte seinem Vater künden, dass er außer Gefahr sei, und dass sein Lieblingshund losgelassen werde. Der sollte, den Weisungen der Wahrsagerin und dem Schwure des Ritters gemäß, das Opfer sein. Als aber das Horn ertönte, da vergaß der alte Lord alles, er wusste nur, dass sein Sohn außer Gefahr sei, und er stürzte hinaus, dem jungen Helden entgegen, um ihn zu umarmen.

      Wie vom Blitze getroffen stand der Erbe von Lambton da; was sollte er thun? Er konnte unmöglich die Hand gegen den Vater erheben. Wie sollte er nun seinen Schwur erfüllen? In seiner Bestürzung stieß er noch einmal ins Horn. Der Hund wurde losgelassen und sprang zu seinem Herrn, und dieser stieß ihm das Schwert, das noch von dem Blute des Ungethüms rauchte, ins Herz.

      Aber vergebens. Der Schwur war gebrochen, und der Ausspruch der Wahrsagerin gieng in Erfüllung: neun Geschlechter hindurch lastete der Fluch auf der Familie Lambton.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

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    • Jack und der Bohnenstengel

      Es war einmal eine arme Witwe, die lebte in einer Hütte in einem Dorfe, weit, weit von London entfernt. Die Witwe hatte nur ein einziges Kind, das sie in allem gewähren ließ; die Folge ihrer Nachsicht war, dass Jack nur wenig beachtete, was sie sagte. Er war ein leichtsinniger Bursche; seine Thorheiten entsprangen aber nicht einem schlechten Herzen, sondern sie rührten daher, dass seine Mutter ihn nie schalt. Da sie nicht reich war und er nicht arbeiten wollte, war sie genöthigt, um sich und ihn zu erhalten, alles zu verkaufen, was sie besaß. Zuletzt blieb nichts mehr übrig als eine Kuh.

      Nun konnte die Witwe nicht länger an sich halten, und mit Thränen in den Augen machte sie Jack Vorwürfe. »Ach, du schlechtes Kind,« sagte sie, »dein Leichtsinn hat uns beide zugrunde gerichtet! Ich habe kein Geld mehr, um auch nur für einen Tag noch Brot zu kaufen; nichts ist mehr da als meine arme Kuh, und die muss verkauft werden, sollen wir nicht Hungers sterben!«

      Jack war einige Minuten lang weich gestimmt, aber das gieng bald vorüber. Als er Hunger empfand, quälte er seine arme Mutter, dass sie ihn die Kuh verkaufen lassen möge. Widerstrebend willigte sie endlich ein.

      Unterwegs traf er einen Fleischhauer, der ihn fragte, wohin er die Kuh treibe. Jack antwortete, er wolle sie verkaufen. Nun hatte der Fleischhauer in seinem Beutel wunderschöne Bohnen von verschiedener Farbe, die zogen Jacks Aufmerksamkeit auf sich.

      Der Fleischhauer bemerkte dies, und da er Jacks Leichtsinn kannte, beschloss er, das auszunützen, und bot ihm für die Kuh sämmtliche Bohnen an. Der thörichte Junge hielt das für ein großartiges Geschäft, auf das er sofort eingieng – für die Kuh hatte er die wertlosen Bohnen eingetauscht. Als Jack nach Hause kam, seiner Mutter von dem Tausch erzählte und ihr die Bohnen zeigte, da stieß sie dieselben in großem Zorne von sich. Sie flogen nach allen Richtungen hin, manche bis in den Garten hinein.

      Früh am nächsten Morgen stand Jack auf, und als er vom Fenster aus etwas Seltsames gewahrte, eilte er rasch in den Garten hinunter, und da fand er, dass einige von den Bohnen Wurzel geschlagen und wundervoll aufgegangen waren. Die Stengel waren ungeheuer dick und so miteinander verflochten, dass sie eine Leiter bildeten, die wie eine Kette aussah.

      Er blickte hinauf, aber er konnte das Ende des Stengels nicht sehen, der schien bis in die Wolken hinaufzureichen. Er prüfte ihn und fand, dass er stark genug war, das Gewicht eines Mannes zu tragen. Da kam ihm ein Gedanke: er wollte den Bohnenstengel hinaufklettern und sehen, wohin er führe. Ganz von diesem Gedanken erfüllt, der ihn selbst seinen Hunger vergessen ließ, eilte er zu seiner Mutter und theilte ihr seine Absicht mit.

      Er begann sofort zu klettern und erreichte nach einigen Stunden die Spitze des Bohnenstengels; er war müde und erschöpft. Er blickte um sich und war überrascht, sich in einem fremden Lande zu finden, das ganz wie eine öde Wüste aussah: weder Baum, noch Strauch, weder ein Haus, noch ein lebendes Wesen war zu sehen.

      Jack setzte sich nachdenklich auf einen Steinblock und dachte an seine Mutter. Der Hunger quälte ihn, und er schien zu bedauern, dass er gegen ihren Willen den Bohnenstiel hinaufgeklettert war. Er glaubte, dass er nun aus Mangel an Nahrung werde sterben müssen.

      Er gieng weiter, in der Hoffnung, dass er doch auf ein Haus stoßen würde, wo er etwas zu essen bekommen könnte. Da bemerkte er plötzlich in einiger Entfernung ein schönes, junges weibliches Wesen. Sie war reich gekleidet und trug in ihrer Hand einen kleinen, weißen Stab, an dessen Spitze sich ein Pfau aus purem Golde befand.

      Sie kam näher und sagte: »Ich will dir eine Geschichte erzählen. Aber bevor ich beginne, musst du mir feierlich versprechen, zu thun, was ich befehle. Ich bin eine Fee, und wenn du nicht ganz genau thust, was ich dir vorschreibe, so beraubst du mich der Macht, dir beizustehen.«

      Jack erschrack bei dieser Warnung, versprach aber, ihren Weisungen zu folgen.
      »Dein Vater,« begann nun die Fee wieder, »war ein reicher Mann und von wohlwollendem Gemüth. Es war seine Gewohnheit, den Bedürftigen unter seinen Nachbarn nie seine Hilfe zu versagen, sondern im Gegentheil die Mühseligen und Beladenen ausfindig zu machen. Wenige Meilen von dem Hause deines Vaters entfernt lebte ein ungeheurer Riese, der wegen seiner Härte und Gewaltthätigkeit der Schrecken des Landes war. Überdies war dieses Ungeheuer sehr neidisch und konnte es nicht leiden, wenn man andere ob ihrer Güte und Menschenfreundlichkeit pries; so schwur er, deinem Vater etwas anzuthun, damit seine guten Thaten nicht länger der Gesprächsstoff aller Leute seien. Dein Vater war viel zu gut, um von anderen Böses zu erwarten; es dauerte also nicht lange, bis der grausame Riese eine Gelegenheit fand, seine gottlosen Drohungen auszuführen. Als er hörte, dass deine Eltern einige Tage bei einem Freunde zubringen wollten, der in einiger Entfernung von ihnen wohnte, ließ er, als sie auf dem Heimwege begriffen waren, deinen Vater überfallen und ermorden und deine Mutter gefangen nehmen.

      Damals warst du erst wenige Monate alt. Deine arme Mutter wurde, halbtodt vor Angst und Schrecken, von den Häschern des grausamen Riesen in einen unterirdischen Kerker geschleppt, wo sie und das arme Kind lange gefangen gehalten wurden. Die Dienstboten, außer sich über die lange Abwesenheit ihrer Gebieter, suchten sie überall, konnten aber keine Spur von ihnen finden. Mittlerweile veranlasste der Riese, dass ein Testament gefunden wurde, in welchem dein Vater ihm als deinem Vormund sein ganzes Vermögen vermachte; so nahm er dasselbe öffentlich in Besitz.

      Nachdem deine Mutter einige Monate gefangen gehalten worden war, erbot sich der Riese, ihr wieder die Freiheit zu geben, unter der Bedingung, dass sie einen heiligen Eid leiste, niemals jemandem ihre Leidensgeschichte zu verrathen. Um es ihr unmöglich zu machen, ihm zu schaden, wenn sie doch ihren Schwur brechen sollte, ließ er sie auf ein Schiff bringen und in ein entferntes Land führen, wo er sie ohne Geld zurückließ; doch erhielt sie für einigen Schmuck, den sie insgeheim in ihrem Kleid verborgen hatte, und den sie nun verkaufte, eine Summe Geldes.

      Bei der Geburt deines Vaters wurde ich zu seiner Pathin erwählt; aber die Feen sind ebenso Gesetzen unterworfen, wie die Menschen. Kurze Zeit, bevor dein Vater von dem Riesen ermordet wurde, hatte ich mich gegen ein Gesetz vergangen, und meine Strafe war die Aufhebung meiner Macht für eine bestimmte Zeit. Das war ein Unglück, weil es mir unmöglich war, deinem Vater beizustehen, als ich es am meisten ersehnte. An dem Tage, an dem du den Fleischhauer trafst, als du die Kuh deiner Mutter verkaufen giengst, wurde mir meine Macht wiedergegeben. Ich war es, die dich im geheimen veranlasste, die Kuh für die Bohnen einzutauschen. Ich habe den Bohnenstiel so hoch in Form einer Leiter emporschießen lassen. Der Riese lebt hier, und du bist ausersehen, ihn für all seine Gottlosigkeit zu bestrafen.

      Du wirst Schwierigkeiten und Gefahren zu überwinden haben, aber du musst Geduld haben und den Tod deines Vaters rächen, sonst wird dir keine deiner Unternehmungen je glücken.

      Was das Vermögen des Riesen betrifft, so gehört alles, was er besitzt, dir, du darfst dir also davon nehmen, was du kannst; du musst aber vorsichtig sein, denn wenn er entdeckt, dass ihm etwas fehlt, wird er grausam und in Zukunft sehr achtsam sein. Aber du musst ihn immerfort verfolgen, und nur durch List kannst du hoffen, ihn zu überwinden und in den Besitz deines rechtmäßigen Eigenthums zu gelangen; nur dadurch kannst du erreichen, dass ihn die strafende Gerechtigkeit für seinen grausamen Mord ereilt.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Noch eines wünsche ich: erzähle deiner Mutter nicht, dass dir die Geschichte deines Vaters bekannt ist, bevor du mich wieder siehst!

      Gehe die gerade Straße entlang, du wirst bald das Haus sehen, in welchem dein grausamer Feind wohnt. So lange du nach meinen Befehlen handelst, werde ich dich beschützen; bedenke jedoch, dass dich, wenn du meinen Befehlen zuwiderhandelst, eine fürchterliche Strafe erwartet.«

      Sobald sie geendet hatte, verschwand sie, und Jack setzte seinen Weg fort. Es war schon nach Sonnenuntergang, als er zu seiner großen Freude ein Gebäude erblickte. Dieser angenehme Anblick belebte seine müden Lebensgeister wieder, er verdoppelte seine Eile und erreichte es nach kurzer Zeit. Eine hübsche Frau stand an der Thür; er sprach sie an und bat sie um einen Bissen Brod und ein Nachtlager. Sie war höchlich erstaunt, als sie ihn erblickte, und sagte, es sei eine große Seltenheit, einen Fremden in der Nähe ihres Hauses zu sehen, denn es war fast überall bekannt, dass ihr Mann ein sehr grausamer und mächtiger Riese sei, der Menschenfleisch aß, wenn er dessen irgendwie habhaft werden konnte.

      Diese Nachricht versetzte Jack in großen Schrecken, doch hoffte er, des Schutzes der Fee eingedenk, dem Riesen zu entgehen, und so bat er die Frau inständig, ihn nur für eine Nacht aufzunehmen und zu verbergen, wo sie es für gut hielte.

      Die gute Frau ließ sich endlich überreden, denn sie hatte ein mitleidiges Herz, und sie führte ihn ins Haus.

      Zuerst giengen sie durch eine prächtige Halle, die sehr schön eingerichtet war; dann kamen sie durch mehrere geräumige Zimmer, alle gleich großartig, aber alle gleich einsam und verlassen. Hierauf folgte eine lange Gallerie; diese war sehr dunkel, und an jeder Seite befand sich anstatt der Wand ein Eisengitter, das die Gallerie von einem düsteren Kerker trennte. Aus demselben drang das Stöhnen mehrerer armer Opfer, die der grausame Riese, um seine Gefräßigkeit zu befriedigen, gefangen genommen hatte. Der arme Jack empfand bei diesem furchtbaren Anblick eine schreckliche Angst; er fürchtete, dass er seine Mutter niemals wiedersehen, sondern dass auch ihn endlich der Riese umbringen würde. Aber er gedachte der Fee, und ein Schimmer von Hoffnung drang in sein Herz.

      Die gute Frau brachte Jack endlich in eine geräumige Küche, wo ein großes Feuer brannte, hieß ihn niedersitzen und gab ihm reichlich zu essen und zu trinken. Als er gegessen hatte und sich behaglich zu fühlen begann, wurde er durch ein lautes Klopfen an das Thor gestört, so laut, dass das Haus erzitterte. Jack versteckte sich in dem Ofen, und die Frau des Riesen eilte hinaus, um ihren Mann einzulassen.

      Jack hörte, wie er mit Donnerstimme zu seiner Frau sagte: »Weib! Weib!, ich rieche Menschenfleisch!«
      »Ach, mein Lieber,« erwiderte sie, »das sind nur die Leute im Kerker.«
      Der Riese schien ihr zu glauben und setzte sich an den Kamin, während sie das Abendessen bereitete.

      Nach und nach bemühte sich Jack, durch eine schmale Spalte das Ungeheuer anzusehen. Mit Staunen sah er, was der Riese alles verschlang; es schien, als sollte die Mahlzeit nie ein Ende nehmen. Nachdem er endlich fertig war, wurde eine wunderbare Henne gebracht und vor ihn auf den Tisch gesetzt. Jacks Neugierde, was geschehen würde, war groß. Er bemerkte, dass sie ganz ruhig auf dem Tische saß, jedesmal aber, wenn der Riese sagte: »Lege!«, legte die Henne ein goldenes Ei. Lange unterhielt sich der Riese mit seiner Henne; seine Frau war mittlerweile zu Bett gegangen. Endlich schlief das Ungethüm ein und schnarchte, dass es wie Kanonendonner anzuhören war. Als er bei Tagesanbruch noch schlief, kroch Jack sachte aus seinem Versteck hervor, ergriff die Henne und rannte mit ihr davon, so schnell ihn seine Füße trugen.

      Er fand leicht den Weg zum Bohnenstiel zurück und stieg besser und schneller hinab, als er erwartet hatte. Seine Mutter freute sich unbändig, ihn wiederzusehen. »Mutter,« sagte er, »ich hab' dir etwas nach Hause gebracht, was dich reich machen wird.«

      Die Henne legte so viele goldene Eier, als sie wünschten; die verkauften sie und besaßen bald so viele Reichthümer, als sie nur wollten.

      Einige Monate lebten Jack und seine Mutter sehr glücklich; bald aber sehnte er sich darnach, dem Riesen neuerdings einen Besuch abzustatten. Früh am Morgen kletterte er wieder den Bohnenstiel empor und erreichte spät abends das Gebäude; die Frau stand wie das erste Mal vor der Thüre. Jack erzählte ihr eine rührende Geschichte und bat sie um ein Nachtlager. Sie erwiderte, dass sie schon einmal einem hungrigen Knaben Einlass gewährt habe, der kleine Undankbare habe aber einen von den Schätzen des Riesen gestohlen, und seit der Zeit werde sie grausam von ihm behandelt. Doch führte sie ihn endlich in die Küche, gab ihm ein Abendessen und steckte ihn in eine Rumpelkammer. Bald darnach kam der Riese, aß sein Abendbrot und befahl seiner Frau, ihm die Gold- und Silbersäcke herunterzubringen. Jack guckte aus seinem Versteck und beobachtete, wie der Riese seine Schätze zählte, worauf er sie sorgfältig wieder in die Säcke that, einschlief und zu schnarchen begann. Jack kroch leise aus seinem Verstecke hervor und näherte sich dem Riesen, als ein kleiner Hund unter dem Sessel wüthend zu bellen anfieng. Gegen Jacks Erwartung schlief der Riese ruhig weiter; auch der Hund schwieg. Jack ergriff die Säcke, kam ungestört durch die Thüre und war bald beim Bohnenstiel angelangt. Als er die Hütte seiner Mutter erreichte, fand er sie leer. Sehr verwundert, rannte er ins Dorf, und eine alte Frau führte ihn in ein Haus, wo er seine Mutter sterbenskrank antraf. Als sie aber von der glücklichen Wiederkehr unseres Helden hörte, erholte sie sich und wurde bald wieder gesund. Jack schenkte ihr zwei Säcke mit Gold und Silber gefüllt.

      Nun machte seine Mutter die Entdeckung, dass etwas schwer auf seinem Gemüthe lastete, und sie bemühte sich, zu erfahren, was es sei, aber Jack wusste nur zu gut, was für Folgen es haben würde, eröffnete er ihr die Ursache seiner Schwermuth. Mit der allergrößten Mühe verbarg er deshalb die große Sehnsucht, die ihn überkam, so sehr er sich auch dagegen wehrte, die Sehnsucht nach einer dritten Reise auf den Bohnenstiel.

      Am längsten Tage des Jahres erhob sich Jack, sobald es graute, kletterte den Bohnenstiel hinauf und erreichte mit einiger Mühe die Spitze. Die Straße und alles andere war unverändert. Am Abend kam er vor das Haus des Riesen und fand die Frau wie früher vor der Thür. Jack hatte sich so vollständig verkleidet, dass sie sich seiner gar nicht zu erinnern schien. Doch fiel es ihm sehr schwer, Einlass zu erhalten. Endlich gelang es ihm; sie erlaubte ihm hineinzugehen und verbarg ihn im Kessel.

      Als der Riese heimkehrte, sagte er wie früher: »Weib! Weib! ich rieche Menschenfleisch!«

      Aber Jack war ganz sorglos, denn er hatte früher dasselbe gesagt und sich doch immer wieder beruhigen lassen. Doch plötzlich fuhr der Riese in die Höhe, und trotz der Reden seiner Frau begann er, im Zimmer zu suchen. Während er dies that, war Jack in furchtbarer Angst und glaubte, vor Schrecken zu sterben; tausendmal wünschte er sich nach Hause zurück. Als der Riese sich gar dem Kessel näherte und seine Hand auf den Deckel legte, da glaubte Jack, seine letzte Stunde sei gekommen. Glücklicherweise hörte der Riese zu suchen auf, ohne den Deckel zu heben, und setzte sich ruhig an das Kaminfeuer.

      Als er sein Abendessen verzehrt hatte, befahl er seiner Frau, ihm seine Harfe zu holen. Jack guckte unter dem Deckel hervor und erblickte die schönste Harfe, die man sich vorstellen konnte. Der Riese stellte sie auf den Tisch und sagte: »Spiele«, und sofort begann sie die wunderschönste Musik zu spielen. Jack war entzückt und viel begieriger, die Harfe zu besitzen als irgend einen der früheren Schätze.
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      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Der Riese hatte kein musikalisches Gemüth, und das Spiel versetzte ihn bald in einen tieferen Schlaf als gewöhnlich, so dass Jack die Zeit für gekommen hielt, die Harfe davonzutragen. Rasch entschlossen, stieg er aus dem Kessel und ergriff sie; die Harfe aber war von einer Fee verzaubert und begann laut zu rufen: »Herr! Herr!«

      Der Riese erwachte, stand auf und versuchte, Jack zu verfolgen, aber er hatte so viel getrunken, dass er nicht zu stehen vermochte. Jack rannte, so schnell er konnte. Nach einiger Zeit hatte sich der Riese so weit erholt, dass er ihm langsam folgen oder vielmehr nachtaumeln konnte. Wäre er nüchtern gewesen, so hätte er ihn sofort erreicht; so aber gelang es Jack, vor ihm den Bohnenstiel zu erreichen. Den ganzen Weg über hatte der Riese mit Donnerstimme ihm nachgeschrien; manchmal war er ihm sehr nahe gekommen.

      Im Augenblick, da Jack unten anlangte, rief er laut nach einer Hacke und erhielt sofort eine. Gerade als der Riese hinunterzusteigen begann, hieb er den Bohnenstiel knapp an der Wurzel um, und der Riese fiel kopfüber in den Garten herab.

      Jack bat seine Mutter herzlich um Verzeihung für all den Kummer und die Betrübnis, die er ihr bereitet hatte, und versprach feierlichst, in Zukunft ein pflichttreuer, gehorsamer Sohn zu sein. Er hielt sein Wort getreulich und wurde das Muster eines liebevollen und aufmerksamen Sohnes.
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    • Die Vogelschlacht

      Vor langer, langer Zeit rüsteten alle vierfüßigen Thiere gegen die Vögel zum Krieg. Der Sohn des Königs von Tethertown sagte, er wolle ausziehen, um die Schlacht zu sehen und seinem Vater zu berichten, wer dieses Jahr König der Thiere sein werde. Als er ankam, war die Schlacht bereits vorüber, nur ein Rabe und eine Schlange waren noch in heftigem Kampfe begriffen, und es schien, als sollte die Schlange den Sieg über den Raben davontragen. Als dies der Königssohn sah, eilte er dem Raben zu Hilfe und schlug mit einem Hiebe der Schlange den Kopf ab. Sobald der Rabe sich von seiner Erschöpfung erholte und die Schlange todt daliegen sah, sprach er: »Für den Dienst, den du mir erwiesen hast, will ich dir etwas zeigen. Setze dich dorthin, wo meine beiden Flügel sprießen.«

      Der Königssohn bestieg den Raben, und der trug ihn, ohne anzuhalten, über sieben Berge, sieben Thäler und sieben Heiden.

      »Nun denn,« sagte der Rabe, »siehst du jenes Haus dort? Darauf gehe jetzt los. Drinnen wohnt eine Schwester von mir, ich bürge dafür, dass du willkommen bist. Und wenn sie dich fragt: Bist du bei der Vogelschlacht dabei gewesen? so sage Ja. Und wenn sie dich fragt: Hast du mein Ebenbild gesehen? so sage: Ja. Aber vergiss nicht, mich morgen früh bestimmt an dieser Stelle zu treffen.«

      Der Königssohn wurde in dieser Nacht vortrefflich bewirtet. Er bekam von jeder Speise zu essen, von jedem Getränke zu trinken, warmes Wasser für seine Füße und ein weiches Bett für seine Glieder.

      Am folgenden Tage trug ihn der Rabe wieder über sieben Berge, sieben Thäler und sieben Heiden. In weiter Ferne stand eine Hütte, aber so weit es auch war, sie waren doch bald zur Stelle. Er wurde wieder vortrefflich bewirtet; er bekam Speise und Trank in Hülle und Fülle, warmes Wasser für die Füße und ein weiches Bett für seine Glieder. Geradeso gieng es am folgenden Tage.

      Am dritten Morgen war der Rabe nicht zur Stelle; aber was glaubt Ihr wohl, wen der Königssohn sah? Einen wunderschönen Jüngling mit einem Bündel in der Hand. Der Königssohn fragte ihn, ob er nicht einen großen, schwarzen Raben gesehen hätte. Da sagte der Jüngling zu ihm: »Du wirst den Raben niemals wieder sehen, denn der Rabe war ich. Ich war verzaubert, und du hast mich erlöst, dafür bekommst du dieses Bündel zum Lohn. Jetzt gehe denselben Weg wieder zurück und schlafe jede Nacht in demselben Hause wie gestern und vorgestern; aber du darfst das Bündel nicht verlieren, bis du an dem Orte bist, der dir auf Erden am besten gefällt.«

      Der Königssohn wandte dem Jünglinge den Rücken und sein Antlitz dem Vaterhause zu, und wieder wurde er von den Schwestern des Raben bewirtet, wie die Abende vorher. Als er sich schon dem Hause seines Vaters näherte, führte der Weg durch einen dichten Wald. Das Bündel schien ihm immer schwerer zu werden, und er wurde begierig, zu sehen, was es enthielt.

      Wie erstaunt war er, als er das Bündel öffnete! In einem Augenblick stand die größte Herrlichkeit vor ihm; ein großes Schloss und ein Garten ringsum, in welchem sich alle Arten von Früchten und Kräutern befanden. Voll Verwunderung und Bedauern sah er, dass er nicht imstande war, das Bündel wieder zu schließen; wie gerne hätte er die ganze Herrlichkeit in dem schönen grünen Thale gegenüber dem Hause seines Vaters gesehen! Wie er von dem Bündel aufsah, stand plötzlich ein Riese vor ihm.
      »Auf einem schlechten Platze, o Königssohn, hast du dein Haus gebaut,« sagte der Riese.
      »Gegen meinen Wunsch und zu meinem Schmerze ist es hieher gerathen,« sagte der Königssohn.
      »Was gibst du mir, wenn ich alles wieder in das Bündel thue, wie es zuvor war?« fragte der Riese.
      »Was verlangst du von mir?« fragte der Königssohn.
      »Gib mir deinen erstgeborenen Sohn, wenn er das Alter von sieben Jahren erreicht hat,« sagte der Riese.
      »Wenn ich einen Sohn bekomme, sollst du ihn haben,« sagte der Königssohn.
      Im Nu that der Riese Schloss und Garten wieder in das Bündel.
      »Nun,« sagte er, »gehe du deinen Weg, und ich gehe meinen; aber gedenke deines Versprechens, und wenn du es auch vergessen solltest, ich werde es im Gedächtnis behalten.«

      Der Königssohn machte sich auf den Weg, und nach wenigen Tagen erreichte er den Ort, der ihm auf der Welt der liebste war. Er öffnete das Bündel, und die Herrlichkeit war richtig darin wie zuvor. Als er aber das Thor des Schlosses öffnete, sah er die schönste Jungfrau, der er jemals begegnet war. »Tritt ein, o Königssohn,« sprach sie, »alles ist für dich bereit, wenn du mich noch heute heiraten willst.«
      »Von Herzen gern!« sagte der Königssohn, und so wurden sie noch am selben Tage getraut.

      Als aber sieben Jahre und ein Tag um waren, kam der Riese auf das Schloss. Der Königssohn hatte sein Versprechen nicht vergessen, hatte aber bis jetzt seiner Frau nichts davon gesagt. »Überlasse das nur mir,« sagte die Königin.
      »Heraus mit deinem Sohne!« sagte der Riese, »denke an dein Versprechen.«
      »Du sollst ihn haben,« antwortete der König, »wenn ihn seine Mutter für die Reise ausgestattet hat.«

      Die Königin aber zog dem Sohne des Kochs schöne Kleider an und übergab ihn dem Riesen. Sie machten sich auf den Weg; als sie eine Strecke gegangen waren, gab der Riese dem Knaben eine Ruthe in die Hand und sprach: »Wenn dein Vater diese Ruthe in der Hand hätte, was würde er thun?«
      »Wenn mein Vater die Ruthe in der Hand hätte, so würde er damit die Hunde und Katzen von den Speisen des Königs wegscheuchen,« sagte der Knabe.
      »Du bist der Sohn des Kochs,« sagte der Riese, packte ihn bei den Knöcheln und schlug ihn gegen einen der Felsen, die sich rechts und links erhoben.
      Darauf eilte er in wüthendem Zorne zum Schlosse zurück und schrie, man solle den Königssohn herausgeben, sonst werde er das Oberste zu unterst kehren.
      Da sprach die Königin zum König: »Wir wollen es noch einmal versuchen; der Sohn des Kellermeisters ist im selben Alter wie unser Kind.«
      Sie zog dem Sohne des Kellermeisters schöne Kleider an und übergab ihn dem Riesen. Er war nicht weit gegangen, als er dem Knaben die Ruthe in die Hand gab. »Wenn dein Vater diese Ruthe hätte, was würde er thun?«
      »Er würde damit die Hunde und Katzen von den Gläsern und Flaschen verscheuchen,« antwortete das Kind.
      »Du bist der Sohn des Kellermeisters,« rief der Riese und erschlug auch ihn an der Felswand. Er kehrte in fürchterlicher Wuth zurück; die Erde erbebte unter seinen Tritten, und das Schloss mit allem, was darin war, zitterte. »Heraus mit deinem Sohne!!!« schrie er, »sonst wird das Oberste zu unterst gekehrt.«

      Da mussten sie ihm denn das Kind übergeben.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Der Riese brachte den Knaben in sein Haus und erzog ihn als seinen eigenen Sohn. Eines Tages, als der Riese fortgegangen war, hörte der Knabe die süßeste Musik, die er jemals vernommen hatte; sie kam von einem Zimmer im höchsten Stockwerke des Hauses her. Wie er hinaufsah, erblickte er das schönste Fräulein, das ihm jemals begegnet war. Sie winkte ihm, näher zu kommen und sprach: »Morgen wird mein Vater es dir freistellen, eine meiner beiden Schwestern zu heiraten; du aber sage, du wollest keine von ihnen, sondern mich zur Frau. Mein Vater will mich an den König der grünen Stadt verheiraten, aber ich kann ihn nicht ausstehen.«

      Am folgenden Tage führte ihm der Riese seine drei Töchter vor und sprach: »Sohn des Königs von Tethertown, es soll dein Schade nicht sein, dass du so lange in meinem Hause gelebt hast. Du darfst dir eine von meinen zwei ältesten Töchtern zur Frau aussuchen und darfst mit ihr am Tage nach der Hochzeit in deine Heimat ziehen.«
      »Wenn du mir,« sagte der Königssohn, »diese hübsche Kleine geben willst, so nehme ich dich beim Wort.«

      Der Riefe wurde furchtbar zornig und sprach: »Bevor du sie zur Frau bekommst, musst du drei Dinge verrichten.«
      »Lass hören,« sagte der Königssohn.
      Da führte ihn der Riese in den Stall und sprach: »Hier siehst du den Dünger von hundert Ochsen und Kühen, der seit sieben Jahren nicht weggeräumt wurde; ich gehe heute vom Hause fort, und wenn dieser Stall nicht bis zum Abend gereinigt ist, so dass ein goldener Apfel von einem Ende bis zum anderen rollt, so wirst du meine Tochter nicht bekommen, und dein Blut wird noch heute meinen Durst löschen.«

      Der Königssohn begann den Stall zu reinigen, aber es war gerade so, als hätte er es versucht, das große Meer auszuschöpfen. Um die Mittagszeit, als ihm der Schweiß in Strömen von der Stirne rann, kam die Königstochter zu ihm und sprach: »Jetzt bist du gestraft, o Königssohn!«
      »Ach ja,« sagte er.
      »Komme zu mir herüber,« sprach sie, »und ruhe dich aus.«
      »Das will ich,« sagte er, »sowieso gehe ich dem Tode entgegen.«
      Er setzte sich neben sie und schlief vor Müdigkeit ein. Als er erwachte, war die Königstochter nicht zu sehen, aber der Stall war so gründlich gereinigt, dass ein goldener Apfel von einem Ende zum anderen rollen konnte.
      Da kam der Riese herein und sagte: »Königssohn, hast du den Stall gereinigt?«
      »Jawohl,« antwortete er.
      »Jemand hat ihn gereinigt,« sagte der Riese.
      »Du hast es gewiss nicht gethan,« sagte der Königssohn.
      »Schon gut,« sagte der Riese, »da du heute so fleißig gewesen bist, so gebe ich dir Zeit bis morgen um dieselbe Stunde, den Stall mit Flaumfedern zu decken, aber nicht zwei von ihnen dürfen die gleiche Farbe haben.«
      Der Königssohn stand vor der Sonne auf, nahm Bogen und Pfeile und gieng hinaus, um die Vögel zu tödten. Er lief hinter ihnen her, bis ihm der Schweiß von der Stirne rann. Um die Mittagsstunde kam die Tochter des Riesen daher.
      »Königssohn, du verschwendest deine Kraft,« sagte sie.
      »Ach ja,« antwortete er, »ich habe erst zwei Amseln geschossen, und beide sind von der gleichen Farbe.«
      »Komm' herüber und ruh' dich aus,« sagte sie.
      »Recht gerne,« antwortete er.
      Er gieng zu ihr hinüber, setzte sich neben sie und schlief vor Ermüdung ein. Als er erwachte, war die Tochter des Riesen verschwunden, der Stall aber war mit Federn gedeckt.
      Der Riese kam nach Hause und sprach: »Königssohn, hast du den Stall gedeckt?«
      »Jawohl,« antwortete er.
      »Jemand hat ihn gedeckt,« sagte der Riese.
      »Du hast es gewiss nicht gethan,« sagte der Königssohn.
      »Schon gut,« sagte der Riese, »gib acht. Neben jenem See dort steht ein Fichtenbaum, in dessen Wipfel hat eine Elster ihr Nest. Die Eier, die du in dem Neste finden wirst, muss ich zu meiner ersten Mahlzeit haben, nicht eines von ihnen darfst du zerbrechen, und es sind ihrer fünf in dem Neste.«

      Früh am Morgen gieng der Königssohn aus, um den Baum zu suchen, und es war auch nicht schwer, ihn zu finden; es gab nicht seinesgleichen im ganzen Wald. Er maß von der Wurzel bis zum ersten Zweige fünfhundert Fuß. Rathlos gieng der Königssohn immer wieder um den Baum. Da kam sie, die ihm stets Hilfe brachte in der Noth.
      »Der Baum schindet dir die Haut von Händen und Füßen,« sprach sie.
      »Ach ja,« sagte er, »ich bemühe mich umsonst, auf den Baum zu gelangen.«
      »Es ist keine Zeit zu verlieren,« sagte die Tochter des Riesen, steckte einen Finger nach dem anderen in den Baum und machte so eine Leiter für den Königssohn, damit er zum Neste der Elster gelange.

      Als er oben beim Neste war, rief sie: »Spute dich jetzt mit den Eiern, denn ich spüre den Athem meines Vaters im Rücken.«
      In der Eile ließ sie den kleinen Finger im Wipfel des Baumes stecken.
      »Jetzt,« sprach sie, »eile mit den Eiern nach Hause, und noch heute werde ich deine Frau, wenn du mich erkennst. Ich und meine beiden Schwestern werden ganz gleich gekleidet sein und ganz gleich aussehen. Wenn nun mein Vater sagt: ›Königssohn, nimm' dir deine Frau,‹ so wirst du mich an der Hand erkennen, an welcher der kleine Finger fehlt.«

      Er gieng hin und übergab dem Riesen die Eier.

      »Schon gut,« sagte der Riese, »jetzt mache dich für die Hochzeit bereit.«
      Wirklich fand die Hochzeit statt. War das eine Hochzeit! Riesen und Edelleute und der Sohn des Königs von der grünen Stadt waren unter den Gästen. Nachdem sie getraut worden waren, begann der Tanz. War das ein Tanz! Das Haus des Riesen erdröhnte vom First bis in den Keller. Dann sagte der Riese: »Königssohn, jetzt suche dir deine Frau.«
      Sie streckte die Hand aus, an welcher der kleine Finger fehlte, und er nahm sie bei der Hand.
      »Du hast es auch diesmal getroffen,« sagte der Riese, »aber wer weiß, vielleicht werden wir uns noch in anderer Weise begegnen.«
      Als sie sich zur Ruhe begaben, sagte sie: »Du darfst nicht schlafen, sonst geht es dir ans Leben. Wir müssen fliehen, schnell, schnell, sonst wird dich mein Vater tödten.«
      Sie giengen hinaus und setzten sich auf das graue Füllen des Riesen. »Warte eine Weile,« sagte sie, »ich habe vorher noch einiges zu verrichten.«
      Sie eilte hinein, schnitt einen Apfel in neun Stücke, legte zwei Stücke zu Häupten des Bettes, zwei zu Füßen des Bettes, zwei vor die Küchenthür, zwei vor das große Thor und ein Stück draußen vor das Haus. Der Riese erwachte und rief: »Schlaft Ihr schon?«
      »Noch nicht,« rief der Apfel zu Häupten des Bettes.
      Nach einer Weile wiederholte er seine Frage.
      »Noch nicht,« rief der Apfel zu Füßen des Bettes.
      Nach einer Weile wiederholte er von neuem seine Frage.
      »Noch nicht,« antwortete der Apfel vor der Küchenthüre.
      Noch einmal rief sie der Riese an; diesmal antwortete der Apfel vor dem großen Thore.
      »Ihr geht ja von mir fort,« rief der Riese.
      »Noch nicht,« antwortete der Apfel draußen vor dem Hause.
      »Ihr entflieht ja,« rief der Riese, sprang auf und gieng zum Bette; das aber war kalt und leer.
      »Das sind die Streiche meiner Tochter,« sagte der Riese, »ihnen nach!«
      Bei Tagesanbruch sagte die Tochter des Riesen: »Ich spüre den Athem meines Vaters im Rücken. Schnell, stecke deine Hand in das Ohr des grauen Füllens, und was du darin findest, wirf hinter dich!«
      »Es ist ein Zweiglein von einem Schlehenbusch,« sagte er.
      »Wirf es hinter dich,« antwortete sie.
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    • Kaum hatte er dies gethan, als sich ein zwanzig Meilen langer Wald von dichtem Schlehdorngestrüpp erhob, so dicht, dass kaum ein Wiesel hindurchzuschlüpfen vermochte. Der Riese prallte gegen das Gestrüpp und zerriss sich Kopf und Nacken an den Dornen.
      »Wieder die Streiche meiner Tochter,« sagte der Riese, »hätte ich nur Axt und Messer bei mir, es würde mir nicht schwer werden, einen Pfad durch den Wald zu hauen.«
      Er eilte nach Hause, holte sich Axt und Messer, war im Nu zurück, und wie war er hinter der Arbeit her! Bald war der Weg durch das Gestrüpp gebahnt.
      »Jetzt lass ich Axt und Messer hier, bis ich zurückkomme,« sprach er.
      »Wenn du sie hier lässt,« sagte eine Krähe, »so werden wir sie stehlen.«
      Der Riese trug Axt und Messer nach Hause zurück.
      Um die Zeit der Mittagsglut spürte die Tochter des Riesen den Athem ihres Vaters im Rücken.
      »Stecke deinen Finger in das Ohr des Füllens und wirf hinter dich, was du darin findest.«
      Er zog einen Splitter grauen Sandsteines hervor, und im Nu erhob sich ein Gebirge von grauem Sandstein, zwanzig Meilen breit und zwanzig Meilen hoch, hinter ihnen. Der Riese prallte gegen das Gestein, aber er konnte nicht hindurch.
      »Die Streiche meiner Tochter geben mir zu schaffen,« sagte der Riese, »hätte ich Hammer und Stange bei mir, so würde es mir nicht schwer werden, mir auch durch das Gestein einen Weg zu brechen.«
      Es blieb ihm nichts anderes übrig, als umzukehren, um Hammer und Stange zu holen. Wie war er hinter der Arbeit her! Alsbald war der Weg durch das Gestein gebrochen.
      »Jetzt lass ich mein Werkzeug hier und kehre nicht zurück.«
      »Wenn du sie hier lässt,« sagte die Krähe, »so werde ich sie stehlen.«
      »Thu' das, wenn du willst, ich habe keine Zeit, zurückzugehen.«
      Beim Anbruch der Nacht sagte die Tochter des Riesen: »Ich spüre den Athem meines Vaters im Rücken. Königssohn, suche im Ohre des Füllens, sonst sind wir verloren.«
      Diesmal fand er eine Blase voll Wasser im Ohr. Er warf sie hinter sich, und im Nu erstreckte sich ein Süßwassersee, zwanzig Meilen breit und zwanzig Meilen lang, hinter ihnen. Der Riese eilte spornstreichs mitten in den See, gieng unter und ward nicht mehr gesehen.

      Am nächsten Tage erblickten sie das Haus, das dem Vater des Königssohnes gehörte. Da sprach die Tochter des Riesen: »Mein Vater ist todt, von ihm haben wir also nichts mehr zu befürchten. Bevor wir aber weitergehen, begib du dich in das Haus deines Vaters und sag' ihm, wer mit dir gekommen ist. Nimm dich aber wohl inacht, dass weder Mensch noch Thier dich küsse, sonst wirst du vergessen, dass du mich jemals gesehen hast.«

      Jedermann, der ihn traf, hieß ihn herzlich willkommen, und er ließ sich weder vom Vater, noch von der Mutter küssen. Aber das Unglück wollte, dass ein Windspiel ihn erkannte und vor Freude an ihm hinaufsprang und seinen Mund beleckte. Darauf entschwand ihm die Tochter des Riesen aus dem Sinn. Sie hatte sich an den Brunnenrand gesetzt, als sie der Königssohn verlassen hatte, und sie wartete vergeblich auf seine Rückkehr. Beim Einbruche der Nacht kletterte sie auf einen Eichenbaum neben dem Brunnen und brachte die ganze Nacht dort zu. Ein Schuhmacher wohnte in der Nähe, und um die Mittagszeit des folgenden Tages hieß er seine Frau zum Brunnen gehen, um ihm einen Trunk Wasser zu holen. Als sie zum Brunnen kam und den Schatten im Wasser sah, der von der Tochter des Riesen herrührte, hielt sie ihn für ihren eigenen und war über ihre Schönheit so erstaunt, dass ihr das Gefäß auf den Boden fiel und zerbrach; so kehrte sie denn ohne Gefäß und Wasser ins Haus zurück.
      »Wo ist denn das Wasser, Frau?« fragte der Schuhmacher.
      »Du krummbeiniges, altes Scheusal, ich bin lange genug deine Magd gewesen.«
      »Frau, ich glaube, du hast den Verstand verloren. Geh' du, meine Tochter, schnell, und hole deinem Vater einen Trunk Wasser.«
      Wie es der Mutter ergangen war, so ergieng es der Tochter.
      »Wo ist das Wasser?« fragte der Vater.
      »Du jämmerlicher Flickschuster, ich bin viel zu gut für dich, suche dir eine andere Magd.«
      Der arme Schuhmacher meinte, sie wären beide um den Verstand gekommen und gieng selbst zum Brunnen. Er sah den Schatten der Jungfrau im Wasser, und wie er zum Baum hinaufblickte, sah er das schönste Weib, dem er jemals begegnet war.
      »Du hast einen unsicheren Platz, aber ein schönes Gesicht,« sagte er, »komm' herunter, du kannst dich eine Zeitlang in meinem Hause nützlich machen.«
      Der Schuhmacher merkte, dass es ihr Schatten war, der Frau und Tochter um den Verstand gebracht hatte. Er nahm sie in sein Haus und sagte ihr, dass er wohl nur eine ärmliche Hütte besitze, dass er aber alles ehrlich mit ihr theilen wolle.
      Nach einigen Tagen kamen mehrere Edelleute in das Haus des Schuhmachers, um Schuhe zu kaufen, denn der Königssohn war zurückgekehrt, und seine Hochzeit stand bevor. Sie sahen die Tochter des Riesen und waren von ihrer Schönheit geblendet.
      »Du hast eine schöne Tochter,« sagten sie zum Schuhmacher.
      »Sie ist wohl schön,« antwortete er, »aber nicht meine Tochter.«
      »Der Tausend,« sagte einer von ihnen, »ich würde es mich hundert Pfund kosten lassen, könnt' ich sie zur Frau bekommen.« Die anderen Edelleute sagten dasselbe.
      Da sagte der Schuhmacher, dass er keinerlei Macht über sie besitze.
      Als die Schuhe fertig waren und der Schuhmacher im Begriffe war, sie in das Schloss des Königs zu tragen, sagte die Tochter des Riesen: »Ich möchte gerne den Königssohn sehen, bevor er sich vermählt.«
      »So komm' mit mir,« antwortete der Schuhmacher, »die Diener im Schlosse kennen mich wohl, und du sollst den Königssohn und die ganze Gesellschaft sehen.«
      Als die Edelleute die schöne Jungfrau erblickten, führten sie sie in den Hochzeitssaal und boten ihr ein Glas Wein an. Sie führte das Glas zum Munde, da züngelte eine Flamme daraus hervor, und eine goldene und eine silberne Taube flogen heraus. Während sie im Saale herumflogen, fielen drei Gerstenkörner auf den Boden. Die silberne Taube eilte auf sie zu und pickte sie auf. Da sagte die goldene Taube zu ihr: »Dächtest du daran, wie ich den Stall reinigte, so würdest du nicht essen, ohne mir meinen Antheil zu geben.«
      Wieder fielen drei Gerstenkörner zu Boden, und wieder aß sie die silberne Taube wie zuvor.
      »Dächtest du daran, wie ich den Stall deckte, so würdest du nicht essen, ohne mir meinen Antheil zu geben,« sagte die goldene Taube.

      Und wieder fielen drei Körner zu Boden, und wieder aß sie die silberne Taube.
      »Dächtest du daran, wie ich das Nest der Elster aushob,« sagte die goldene Taube, »so würdest du nicht essen, ohne mir meinen Antheil zu geben. Ich habe dabei meinen kleinen Finger verloren, und er fehlt mir noch jetzt.«
      Da kehrte dem Königssohne das Gedächtnis zurück, und er wusste, wer sie war. Er eilte auf sie zu und küsste sie von der Hand bis zum Mund. Und als der Priester kam, wurden sie zum zweitenmale vermählt.
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