Milena Preindlsberger-Mrazovic: Bosnische Volksmärchen

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Milena Preindlsberger-Mrazovic: Bosnische Volksmärchen

      Milena Preindlsberger-Mrazović

      Bosnische Volksmärchen

      An
      Frau Milena Preindlsberger-Mrazović
      in Sarajevo.

      Hochverehrte Frau!

      Sie teilten mir Ihren Wunsch mit, daß ich Ihrer Ausgabe der »Bosnischen Volksmärchen« einige Worte der Begleitung auf den Weg mitgeben soll. So schmeichelhaft dieser Wunsch auch ist, ich finde ihn eigentlich überflüssig. Sie sind ja dem deutschen Lesepublikum, soweit es sich um das Land und die Leute, denen Sie Ihre Feder leihen, interessiert, schon längst bekannt. Also einer Empfehlung nach dieser Richtung bedarf es nicht. Das Bändchen Märchen aber, das Sie aus einer großen Zahl des Ihnen zu Gebote stehenden Materials ausgewählt und den vielen Freunden dieser Art Volksliteratur in die Hand geben, sollte, um nach seinem inneren Wert gewürdigt zu werden, einem Fachmanne in der Märchenkunde, wie es deren in jeder Literatur mehrere gibt, vorgelegt werden. Ein solcher – ich nenne beispielsweise meinen Freund, Prof. Polivka in Prag – würde zu jedem der fünfzehn Märchen dieses Büchleins eine Unzahl von Parallelen aus allen möglichen Volksliteraturen zitieren können, um zu zeigen, daß die kleinen Geschöpfe überall in der weiten Welt ihre Verwandten haben und es eigentlich bloß auf einen geringeren oder größeren Grad der Befähigung und Gewandtheit ankommt, wie sie bei einzelnen Völkern in mündlicher Überlieferung leben.

      Ich will hoffen, daß es Ihnen bei der Wiedergabe dieser Märchen in deutscher Sprache gelungen ist, die lokale Couleur der bosnischen Erzähler oder Erzählerinnen treu zu bewahren, auf die gerade die Folkloristik den größten Wert legen muß. Denn wer dieses Büchlein nicht bloß als angenehme Lektüre, nicht bloß wegen der vortrefflichen ethnographisch getreuen Illustrationen liebgewinnt, wer es unter einem andern Gesichtspunkt, als einen neuen Beitrag zur Bereicherung unserer Kenntnisse der serbokroatischen Märchen einer vergleichenden Prüfung unterziehen wollte, wird vor allem bestrebt sein, nach dem spezifisch Bosnischen darin zu fragen. In der Tat glaube ich behaupten zu dürfen, daß auch auf dem Gebiet der Märchen sich einige Stoffe ebenso ausscheiden lassen, die den Bekennern des Islams besonders behagen, wie wir betreffs der epischen Volksdichtung jetzt schon sehr gut wissen, daß auf dem gemeinsamen Kanevas der Serben und Kroaten die Bekenner des Islams einen eigenen Inhalt gestickt haben. So vermute ich, daß einige von diesen Märchen (z.B. unter Nummer 3, 4, 13, 14) hauptsächlich in dem Munde der Moslims zirkulieren, während andere einen christlichen Einschlag verraten. Nun sind wir darüber zunächst noch sehr wenig orientiert, weil uns Märchen aus Bosnien und Herzegowina noch nicht in sehr großer Anzahl zugänglich sind. Und auch das schon Gedruckte ist sehr weit zerstreut, zumeist in periodischen Zeitschriften. Es ist außerdem der Umstand in Betracht zu ziehen, daß das vor den letzten Dezennien gesammelte Material fast ausschließlich von den katholischen und orthodoxen Bewohnern des Landes herrührte. Erst in neuerer Zeit sind uns auch die Anhänger Islams zugänglich geworden. Jetzt ließe sich also vielleicht auch auf dem Gebiete der Märchen ebenso ein moslemitischer Typus erkennen, wie er uns in der Epik durch die Publikationen namentlich Konstantin Hörmanns klargelegt worden ist.

      Wenn Sie, meine Gnädige, mit diesem Büchlein und weiteren, demselben Gegenstand gewidmeten Sammlungen uns dazu verhelfen, diesen Typus zu erkennen, wird im Bereich der serbokroatischen Folkloristik Ihr Name ebenso mit Anerkennung genannt werden, wie schon jetzt Ihre Verdienste um die Schilderung des geistigen und materiellen Lebens der diese zwei schönen Länder bewohnenden Bevölkerung allgemein anerkannt sind.
      Ich verbleibe mit größter Verehrung

      Ihr ganz ergebener
      V. Jagić.

      Abbazia, 15. September 1904.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Die kritisch anregenden Worte des berühmten Slavisten, des Herrn Hofrates Professor Dr. Vatroslav Jagić, dessen offenes Sendschreiben die ersten Seiten dieses Büchleins schmückt, sein Hinweis auf die scharf und bestimmt auftretenden Eigentümlichkeiten des Stoffes und auf den wissenschaftlichen Maßstab, der an derartige Publikationen gelegt wird, eröffneten auch mir neue Gesichtspunkte, und ungesäumt ging ich daran, mein Märchenmaterial, das sich im Laufe der Jahre angehäuft, aufs neue zu sichten. Nochmals prüfte ich die aus allen Teilen des Landes und von individuell sehr verschiedenen Erzählern herrührenden Varianten ein und desselben Themas, summierte sie und verglich sie dann mit dem, was sie in meiner Hand geworden. Und mit dem Forschungseifer kam einen Augenblick lang auch die Versuchung über mich, das, was ich auf den folgenden Blättern in feiertäglichen Stunden niedergeschrieben, wieder zurückzunehmen und meinen ganzen Märchenbesitz unverkürzt herauszugeben in ursprünglicher Lesart und wörtlich genauer Übersetzung, gewissenhaft und peinlich.

      Das Gefühl meiner Unzulänglichkeit einer solchen wohldisziplinierten Aufgabe gegenüber, ließ mich diese Idee rasch wieder aufgeben. Was dem großen Gelehrten so naheliegend däucht, mir ist es nicht erreichbar. Indem ich mir dies eingestand, empfand ich es drückend, daß es nunmehr einer Rechtfertigung für das Erscheinen dieses Büchleins bedürfe, und verzagt irrten meine Gedanken umher.

      Da traten zwei Freunde bei mir ein. Vollblutgermanen. Sie hatten von Nord nach Süd die dunklen Täler Bosniens durchwandert, hatten auf den lichten herzegowinischen Almen gelagert und die Herrlichkeit des Durmitor geschaut, all dies jetzt, »von einem jungen Mond zum andern«. Noch haftete an ihnen der frische Hauch des Hochgebirgs, und auf ihren braunrotgebrannten Gesichtern strahlte die Freude über das Erlebte.
      »Erzählet, meine Freunde, erzählet!« Und sie taten es:

      »Das Feuer erlischt. Das letzte Holzscheit sinkt raschelnd in sich zusammen, und irre Funken tanzen zum Nachthimmel, der sternbesät über den schwarzen Felsenwänden in der Runde ruht. Um die weißgrau und rot verglühenden Aschenreste hocken im Kreise buntgegürtete Männergestalten, die ums Haupt den weißen Turban tragen. Wenn sie den Kopf leicht zueinander wenden, zeichnen sich große, starke Profile vom dunklen Hintergrun de ab, mit flatterndem Schnurrbart und hartem Kinn. Im aufflackernden Scheine des letzten Scheites schimmert aus dem Dunkel drüben unser weißes Zelt.
      Das ist die Nacht. Der Gesang der Männer, der eben noch rauh und melancholisch ums Feuer klang, ist verstummt, das Lied von der schönen Hirtin,

      Die einen Andern nehmen sollt,
      Ihr Vater hat es gewollt. –

      es ist zu Ende und verschwebt zu sternbeschienenen Höhen. In starrem Reigen stehen die schwarzen Berge, großmächtig und still. In wilder Pracht liegt schweigend die Natur. Und auch wir Menschlein schweigen ehrfurchtsvoll und ahndevoll. Das Reich der Träume und der Märchen ist gekommen.
      Doch hört! Klirrte da nicht ein Stein? – Wechseln die Gemsen oben und senden freundlichen Nachtgruß zutal? – Noch einmal rollt es. Aus finstrer Nacht hallt ein langgezogener Hirtenruf, halb wild halb klagend. Wir antworten und warten. Es ruft zum zweitenmale, näher. Schritte im nahen Geröll, und aus dem Dunkel taucht plötzlich ein weißer Riese auf.

      Bist du es, Wujko? Der seine Schafe auf der hellsten Höhe droben weidet? Lockte Dich der Feuerschein? Stieg der Duft des Lammes hinauf zu Dir, das wir am Spieße hatten?

      Setze Dich, Wujko! Ein Stück Lende verblieb Dir noch. Und Du, Halil, saumseliger Treiber der Rosse, und Du, Mato, der uns Wasser gebracht, tummelt Euch! Schichtet trockne Stämme und Reiser des Urwaldes und laßt das Nachtfeuer heller lodern.

      Sahet Ihr es schon einmal, wie mit blendenden Zähnen und lachendem Munde, schweigend, Wujko das Lendenstück zerreißt?

      Das Feuer lodert. Die Flammen steigen. Der rote Schein beleuchtet hoch hinauf das nackte Gefels, und unruhige Schatten flattern durch den nahen Tann.

      Höre, Wujko, später Hirte! Sie sagen, Du weißt die besten Märchen im Tal?

      Er lächelt nur. Noch einen Trunk Wasser. Enger und enger schließt sich der Kreis und Wujko, tiefsinnig hockend, ins Feuer blickend, rot beschienen, hebt an.«

      Wissen wollt Ihr nun von mir, Ihr Fremdlinge, was Wujko, der Hirte wohl erzählt haben mag? Habt Dank für dies Begehren! Nie spracht Ihr eines aus, das gelegener kam. Weiß ich doch nun, wozu dies Büchlein dienen soll.
      Auch ich sah jene Berge, wo die Wässer klarer laufen, wo mit schwerem Flügelschlag der Adler um die roterglühenden Felsen streicht. Wildwässer stürzen zutal, nieder in blumiges Gefild, und ihr Donner erstirbt in Urwaldrauschen. An den Hirtenfeuern saß ich in flimmernden Vollmondnächten, gleichwie an den Herdstellen ärmlicher Hütten in dunklen Schluchten, an deren Wänden der Herbstregen niederprasselte. Stunden- und stundenlang. Und was mir von all dem, was ich damals erlauscht, in Herz und Sinn verblieb, davon sei unseren deutschen Freunden hier einiges wiedererzählt. Vielleicht merkt auch der eine oder andere Kenner mein redlich Bemühen, die Eigenart des Einzelnen im Ganzen wiederzugeben, vielleicht entdeckt er mit verständnisvollem Lächeln die fremdartigen Lichter, die am Leben zu erhalten mir etwa gelungen sein sollte. Im Übrigen will ich schon dankbar und zufrieden sein, wenn von dem besonderen Ton unserer weltfernen bosnischen Berge unterstützt, der alte Zauber wundersamer Märe den unbefangenen, nur lebensuchenden Leser in seinen Bann zieht.

      Sarajevo, im Oktober 1904
      Die Verfasserin
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Unter den vielen Armen, die es immer auf der Welt gibt, gab es einmal auch einen Mann und ein Weib, die ganz besonders arm waren, denn sie hatten nicht einmal ein Kind. Gar nichts hatten sie auf der Welt, als eine kleine Hütte, und das ist wahrlich wenig genug. Eines tags sprachen sie miteinander über ihre Armut. Da sagte der Mann: »Wir haben gar niemanden, der uns, wenn wir dahin sind, in sein Gebet einschließen und an unserem Sterbetag für unsere armen Seelen einen Löffel Panahija1 verzehren wird. Und was wird wohl aus uns werden, wenn uns das Alter erreicht, so ohne Verwandtschaft und Schwägerschaft und ohne Nachkommen! Ich will es versuchen in die Welt zu ziehen, um etwas zu erwerben, damit wir in späteren Jahren wenigstens nicht Hungers sterben müssen.«

      Das Weib war einverstanden, und er zog in die weite Welt. Er durchwanderte viele Dörfer und Städte, fand aber nirgends einen Verdienst. So zog er immer weiter und weiter und kam auch in einen dichten Wald, in dem er die Wegspur verlor und mehrere Tage umherirrte, ohne auch nur auf eine Lichtung gelangen zu können. Er war schon ganz entkräftet und mutlos, als er einem Jäger begegnete, der ihn verwundert fragte: »Mensch, wie kommst du in diese Wildnis?« Der Mann sagte ihm, daß er einen Verdienst suche und sich verirrt habe. »Da ist dir leicht zu helfen,« meinte der Jäger; »am Ende dieses Waldes habe ich ein Jägerhaus; in diesem müßtest du wohnen und den Namen jedes Reisenden, der dort vorüber zieht, aufschreiben. Das wäre deine Arbeit.« – »Und was wäre mein Lohn, o Herr?« fragte der Arme, »denn du weißt doch, daß für die Nahrung allein nur der Hund dient.«

      »Du wirst schon zufrieden sein«, sagte der Jäger.

      Der Arme willigte nun mit Freuden ein, und nachdem der Jäger ihm den richtigen Weg gewiesen, stieß er auch bald auf das Jägerhaus. Er fand darin etwas Maisbrei in einer Holzschüssel, die nie leer wurde, wie oft er auch daraus aß, und ein Buch mit leeren Blättern. Und da er den guten Mönchen des Klosters in seinem Heimatsdorfe die Kunst des Schreibens etwas abgelauscht hatte, so schrieb er fein säuberlich auf die weißen Blätter die Namen aller, die an dem Walde vorbei zogen. Nach einem Jahre war das Buch voll. Jetzt kam auch der Jäger, und da er mit dem Geschriebenen sehr zufrieden war, gab er dem Armen einen Beutel Dukaten und entließ ihn. Wer war nun glücklicher, wer war fröhlicher, als er? In seiner Herzensfreude sagte er dem Jäger, daß er für die empfangene Wohltat ihm alles zu Liebe tun und ihm das Liebste, was er habe, schenken würde. Der Jäger verlangte nun, daß der Arme das, was er soeben gesagt, schriftlich geben möge. Er tat es ohne Arg und zog singend seines Weges.
      Zu Hause harrte seiner noch eine Freude: während seiner Abwesenheit hatte sein Weib einen Knaben geboren.

      Da sie jetzt auch genug Geld hatten und der Mann es durch seinen Fleiß immer noch vermehrte, so hätten sie sehr glücklich leben können. Der Mann war jedoch immer bekümmert, da er des Versprechens gedachte, das er dem Jäger gegeben, und er fürchtete, daß ihm dieser eines tags sein einziges Kind abfordern werde.

      Die Zeit kam und ging, das Kindchen gedieh, und die besorgten Eltern gedachten immer seltener des Jägers und jenes Versprechens. Da geschah etwas Seltsames, Schreckliches. In einer finsteren Nacht, als ein eisiger Nord wehte, heulte plötzlich der Hund laut auf, so, als hätte man ihm etwas zuleide getan. Dann hörte man ein unheimliches Geräusch vor der Haustüre: diese sprang auf, und über die Schwelle wälzte sich ein blutgefüllter Menschenbalg, ein Vampyr.

      »Nun mußt du dein Versprechen einlösen«, klang es dumpf. Das entsetzte Ehepaar beschwor das Schreckgespenst im Namen Gottes und des heiligen Johannes sich zu entfernen, sprengte Weihwasser aus, und so mußte es zurückweichen. Bevor der Unhold aber die Schwelle verließ, sagte er: »Möge das Kind immerhin noch dableiben; nach fünfundzwanzig Jahren ist es in jedem Falle mein.«

      Der Mann und das Weib fanden erst wieder im Morgengrauen Schlaf. Und beide hatten den gleichen Traum. Der heilige Johannes, ihr Hauspatron, stieg aus seinem Rahmen in der Stubenecke nieder, schwang das vor seinem Bilde hängende Lämpchen wie ein Räucherfaß und sprach: »Lasset den Knaben Mönch werden, dann kann ihm der wilde Jäger, der gestorben und zum Vampyr geworden ist, nichts anhaben.«

      Das Ehepaar erwachte, ihr kleiner Hausaltar sah aus wie immer, aber in der Stube schwebte ein feiner Duft, wie aus einem geweihten Räucherfaß.
      Als der Knabe sieben Jahre alt war, gaben ihn die Eltern zu den Mönchen ins Kloster. Er wurde groß und schön, lernte fleißig und erhielt noch in ganz jungen Jahren die Priesterweihe. So oft er heim zu seinen Eltern kam, fand er sie traurig, und da auch schon ein Bart sein Antlitz zu beschatten begann, so faßte er sich ein Herz und frug seinen Vater um den Grund seines Kummers. Der Vater gestand ihm alles und sagte, die fünfundzwanzig Jahre seit jener Schreckensnacht wären jetzt bald um und deshalb könnten er und die Mutter aus Besorgnis ihres Leben nicht froh werden.
      Der Mönch erschrak heftig und faßte den Vorsatz den Vampyr aufzusuchen, um von ihm jenes schriftliche Versprechen mit Hilfe Gottes und des heiligen Johannes wieder zurück zu erhalten und dadurch seine Seele zu retten.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Er bereitete sich nun vor wie zum Tode, beichtete, empfing das heilige Abendmahl, versöhnte sich mit allem auf der Welt, mit den Vögeln in den Bergen, den Fischen im Wasser und den Schlangen unter den Steinen, schützte sein Haupt und seine Brust mit heiligen Amuletts, nahm einen geweihten Stab zur Hand und zog davon. Ohne zu ermüden, ging er Tag und Nacht immerfort und kam auch in jenen Wald, in dem sich damals sein Vater verirrt hatte. Die Nacht brach herein und mit ihr ein furchtbarer Sturm, der alte Bäume wie Schilfrohr knickte, und dabei strömte der Regen wie aus Tonnen.

      Der Mönch sah ein schwaches Licht schimmern, ging diesem nach und fand eine kleine Hütte, in die er mit frommen Gruß und der Bitte um ein Nachtlager eintrat. Eine alte Frau küßte ihm erfreut die Hand und sagte: »Dank sei dem lieben Gott, daß er einen solchen Mann in mein unwürdiges Haus treten läßt! Aber, teurer Vater, du kannst nicht hier bleiben, denn mein Sohn ist ein großer Missetäter, ein Räuber und Mörder, und er würde dich erschlagen, wenn er dich fände.«

      Der Mönch empfand keine Furcht und so bat ihn die Alte, sich wenigstens nebenan in der Kammer zu verbergen, was er auch tat. Der Räuber hatte aber kaum die Hütte betreten, als er schon ausrief: »Mutter, ich fühle einen Christenmenschen in der Nähe! Mag er doch hervorkommen und, wenn er will, meinen Kopf nehmen, mich vernichten, wie der Orkan die Eiche zerschmettert, denn ich bin so elend – so elend ...« Der Mönch trat vor. Als der Räuber das priesterliche Gewand erblickte, wurde er leichenblaß. Er wollte einen frommen Gruß stammeln, aber die Zunge erstarrte ihm, er versuchte das Kreuz zu schlagen, aber die Hand wurde lahm. Erst als der Mönch des Himmels Gnade für ihn erflehte, lösten sich die unsichtbaren Fesseln, und wie ein Regenstrom überfluteten heiße Tränen des Sünders Antlitz und das seiner Mutter.

      Liebreich tröstete der Mönch beide und erzählte dann seine Geschichte und wie er ausgezogen sei, dem Vampyr das schriftliche Versprechen seines Vaters zu entreißen. Als die Frau das vernommen, stürzte sie auf die Erde nieder, raufte sich das Haar, schlug sich mit den Fäusten auf die Brust und schrie: »Wehe, wehe uns Unglücklichen! Jener Jäger war mein Mann, der Vater dieses armen Sünders. Schoß er kein Wild, so schoß er auf die Menschen, die vorüberzogen. Gib, o Frommer, ihm die Grabesruhe, töte in ihm den Vampyr und bete für seine Seele!«

      Ihre gellenden Klagen drangen hinaus in den Wald, und der Sturm antwortete mit Heulen und Toben.
      Die drei seltsamen Gefährten, die das Schicksal zusammengeführt, machten sich auf nach dem Dorfe am Rande des Waldes, das sie nach vielem Mühsal erreichten. Noch war es finstere Nacht, als sie an die Haustüren der Dörfler pochten und um Gottes und des Gekreuzigten willen um Beistand baten. Den Leuten fuhr der Schreck in die Knochen. Seit langem schon schlich sich ein langsames, stetes Sterben durch das Dorf; seit langem trübte und verunreinigte etwas immer wieder ihre Tränken und Brunnen, verdarb das Saatgut in den Speichern. »Ein Vampyr ists, ein Vampyr!«, ging es in bleicher Furcht flüsternd von Mund zu Mund. Ein kohlschwarzer Hengst ohne irgend einem Abzeichen wurde herbeigeführt, und während die Weiber und Mädchen ermahnt wurden, die Kinder und das Herdfeuer zu behüten, entzündeten die Männer an der heiligen Herdflamme die Kienholzfackeln, der Älteste ergriff den zitternden Hengst am Halfter und schritt betend mit dem Mönch, der Witwe des wilden Jägers und dem Räuber voran. Die übrigen folgten schweigend.

      So zogen sie nach dem Friedhofe, der auf dem Scheitel eines steinigen Hügels lag. Als die Männerschar keuchend hinauf kam, sahen sie einen schwarzen Menschenschatten dahinhuschen und verschwinden, der ein weißes Laken über der Schulter trug. Es heulte und pfiff in den Lüften, und der Sturm versuchte die Fackeln auszulöschen. Um jeden Schritt kämpfend, drangen die Männer vor und leuchteten dann über jedes Grab hin, ob es auch unversehrt sei und nichts auf einen Vampyr hindeute. Sie suchten und suchten, bis sie endlich an der Ostseite eines eingesunkenen Grabes ein Loch fanden, aus dem etwas herauslugte. Ein Beherzter griff hin und zog einen buntgestickten Socken hervor, den das Weib des Jägers als einen von denen erkannte, die sie dem Toten auf der Bahre angezogen und den jetzt der Vampyr verloren hatte, als er eiligst in sein Grab geschlüpft war. Der Rapphengst wurde vorgeführt, und obgleich er willig über jedes Grab schritt, über das des wilden Jägers brachte ihn keine Macht. Schläge und Lockungen versagten.

      Es sprach nun der alte Bauer: »Männer, es scheint klar zu sein, daß dies hier das Grab eines Vampyrs ist. Tun wir also, was in solchen Fällen unsere Ahnen taten, um dem Volke und dem Toten die Ruhe wiederzugeben.«
      In frommem Gesange erhob sich hierauf des Mönches Stimme über den Sturm. Die Männer fällten den Stamm eines alten Hagedorns, machten einen Pfahl zurecht und ließen seine Spitze von dem Feuer ankohlen, das sie mit den Fackeln von ihrem gesegneten Herde mitgebracht. Dann öffneten sie das Grab.

      Unten lag der Tote ganz unversehrt, so wie er vor langen Jahren in die Erde gebettet ward. Die Männer bildeten einen Kreis und hielten die Fackeln hoch, und in dem zuckenden, blutigroten Schein zuckte auch des Vampyrs von rotem Menschenblute gequollener Leib. Und jetzt stieß der Mönch den Hagedornpfahl dem Vampyr wuchtig durch die Brust; dann tat es dessen Weib, dann dessen Sohn und dann alle Männer dem Alter nach. Der Vampyr wand und wälzte sich unter den Stößen, und herzzerreißende Seufzer stiegen aus dem Grabe herauf, Laute, wie jene, die ein Felsblock ausstößt, wenn er losgebrochen wird von seinem Mutterboden ...

      Der Sturm war verstummt, die Sonne ging auf, und im Grabe lag nur mehr eine unförmliche Masse. Die Männer entblößten das Haupt und schlossen das Grab. Jetzt ruhte der wilde Jäger in ewigem Frieden.

      Vergeblich jedoch hatte der Mönch nach der Schrift, die seines Vaters Versprechen enthielt, in dem Grabe gesucht, und deshalb glaubte er, daß sie gewiß in der Hölle verwahrt werde und er sie von dort holen müsse. Er nahm daher wieder den geweihten Stab zur Hand, um zur Hölle zu wandern; vorher mußte er aber dem reuigen Sünder versprechen, ihm nach seiner Rückkehr die Beichte abzunehmen und das heilige Abendmahl zu spenden.
      Wohin immer sich der fromme Mann wandte, immer fand er sich auf einem schmalen Pfade. Dieser führte ihn endlich zu einem Felsen und von da nicht weiter. Er schlug mit seinem Stab gegen den Fels und dieser spaltete sich, so daß er seinen Weg durch eine finstere Höhle fortsetzen mußte. So ging es eine lange Strecke fort, bis er endlich in die Hölle kam. Hier sah er die Qual der armen Seelen in dem unermeßlich großen Feuer. In einer Ecke saßen grinsend eine Menge Teufel mit Hörnern und roten Kappen, und in ihrer Mitte hockte ein dickes Scheusal, das auf einem Fuß lahm war: Hromi-Dada, der oberste der Teufel. Der Mönch zog nun die heiligen Amuletts hervor, mit denen er sich gewappnet, und warf sie unter das Satansvolk. Dieses floh in eine andere Ecke, und der große Krumme begann den Mönch zu beschwören, er möge verlangen, was er wolle, nur möge er die Amuletts zusammensuchen und einstecken. »Du siehst doch,« winselte er, »daß ich bereits auf einem Fuß hinke; willst du vielleicht, daß ich auch den andern breche?« Jedoch der Mönch erwiderte, daß er sich nicht eher von der Stelle rühren werde, bis man ihm nicht die Schrift seines Vaters zurückgegeben habe. Hromi-Dada gab nun den Befehl, daß das sofort geschehe. Aber der Teufel, der das Schriftstück verwahrte, wollte davon nichts wissen, und deshalb ließ ihn der Hinkende auf alle möglichen Arten martern. Sie hängten ihn auf, warfen ihn ins lebendige Feuer, – alles umsonst. Da befahl Hromi-Dada, den Unfolgsamen auf das Nadelbett zu werfen, welches für des Jägers Sohn, den Räuber, bereit stand. Wie der Teufel das hörte, warf er schnell die Schrift von sich. Der Mönch raffte sie auf und floh hinweg.

      So schnell er nur konnte eilte er heim, um seinen Eltern die Schrift zu bringen und ihnen seine Erlebnisse zu erzählen. Aber er konnte das Elternhaus nicht finden, so viel er auch suchte. Auch das Gehen wurde ihm recht schwer, er wußte nicht warum. Endlich war er in seinem Kloster, – doch wie hatte sich hier alles verändert? ... Weder konnte er jemanden wiedererkennen, noch wurde er von jemandem gekannt. Er nannte seinen Namen, – die Mönche schlugen in den Büchern nach und sagten ihm, vor dem Wunder ehrfürchtig die Stirne neigend, daß er vor genau dreihundert Jahren aus dem Kloster fortgegangen sei.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Gottergeben wartete er nun auf das Ende seines Lebens. Eines Tages wünschte er in den nahen Friedhofshain geführt zu werden, wo er auch die Gräber seiner Eltern vermutete. Betend ließ er sich dort nieder. Da hörte er die Mitbrüder seinen Namen rufen. Sie hatten einen Apfelbaum bemerkt, dessen fruchtbeladene Zweige sich bis zum Boden neigten. Die Früchte dufteten köstlich, doch als die Brüder einige pflücken wollten, schnellten die Zweige in die Höhe und waren nicht zu erlangen. Die Brüder holten den Greis herbei, damit er das Merkwürdige schaue und deute, und nun sahen sie unter dem Apfelbaum auch einen uralten Mann knieen, mit gefalteten Händen und gen Himmel gerichteten Augen. »Gelobt sei Gott,« sagte er zu dem greisen Mönche, »daß du kommst, damit ich endlich sterben kann!« Es war der Sohn des wilden Jägers, jener arme Sünder, der noch immer auf die Lossprechung wartete. Der greise Mönch nahm nun dem Unglücklichen die Beichte ab, reichte ihm das heilige Abendmahl, und gleich darauf schloß der mit Gott Versöhnte seine Augen. Die duftenden Früchte des Apfelbaumes verwandelten sich in weiße Vögel, die jubilierend gegen Himmel flogen. Es waren die Seelen jener Menschen, die der wilde Jäger und sein Sohn während ihres Lebens getötet hatten.

      Auch die Stunden des Mönches waren jetzt gezählt, da er des Vaters Versprechen gesühnt und das seinige erfüllt hatte. Während er entschlief, begann der abgestorbene Baum, der zwischen zwei moosumsponnenen Grabesstellen wurzelte, aufs neue zu grünen. Es waren die Gräber seiner in Gram um ihn dahingegangenen Eltern, zu denen man ihn bettete.

      Ewiger Frühlingshauch weht über diesem Erdenfleck, auf dem das Dorngestrüppe weiße Rosen trägt.

      Fußnoten

      1 Panahija = Totengericht, bestehend aus gekochtem Weizen und Honig, das bei den orientalisch-orthodoxen Christen bei Begräbnissen und an Gedenktagen verzehrt wird.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Die drei guten Dinge

      Ein Mann hatte zwei Kühe, die sein und seiner Mutter einzige Habe waren. Aus der Milch bereitete der Mann Käse, den er verkaufte, und für das Geld erstand er Maismehl, denn sie aßen jahraus, jahrein Maisbrei.

      So lebten sie. Einmal im Frühlinge trieb er die braven Kühe in das Gebirge auf die Weide. Die Kühe kauten und kauten; er schaute ihnen dabei zu, und da er sonst gar nichts zu tun und zu denken hatte, so schlief er ein. Als er erwachte, waren die Kühe fort! Nun hatte er gleich etwas zu tun und zu denken, lief bergauf, bergab, rief und lockte, aber die Kühe blieben verschwunden.

      Wie er so angstvoll umherirrte, bemerkte er unten auf der Ebene drei Männer, die miteinander erbittert kämpften. Er lief zu ihnen hinab und sah, daß alle drei schon aus vielen Wunden bluteten. »Was wollt ihr denn nur von einander, ihr Männer?« fragte er, »weßhalb schlagt ihr euch so grausam«. – »Wir sind Brüder,« erwiderten sie, »und wenn Brüder uneins sind, so ist es schlimmer, als zwischen Fremden. Wir können uns nämlich wegen dreier Dinge, die wir untereinander zu teilen haben, nicht einigen.«

      »Welche wären denn dies?« fragte der Mann. Sie erwiderten: »Ein Kupferkessel, eine eiserne Keule und ein Paar Stiefel. Das sind aber nicht Sachen, wie man sie tagtäglich findet; denn sagt man zu dem Kupferkessel: ›Zaundilindi, zaundilind, koch' mir einen Brei geschwind!‹ so ist er voll mit fettem Reisbrei; kann man jemanden nicht leiden, so sagt man zu der Keule: ›Lauf hin und erschlag ihn!‹ und die Keule tut es; und will man schnell vorwärts kommen, so zieht man einfach die Stiefel an, und diese tragen einen im Nu dorthin, wo man sein will. Du siehst also, daß es schwer ist, sich beim Teilen solcher Dinge zu einigen.«

      Der Mann dachte lange nach und dann sagte er: »Das beste von den drei Dingen ist sicherlich der Kessel, denn alles auf der Welt dreht sich ums Essen. Gut ist auch die Keule, denn ein jeder Mensch hat seine Feinde; die Stiefel wären noch am leichtesten zu entbehren, denn überall ist es gut, daheim aber am besten. Darum meine ich, ihr solltet einen Wettlauf unternehmen: wer zuerst ankommt nimmt sich den Kessel, der zweite nimmt die Keule und der letzte die Stiefel!«

      Dieser Vorschlag sagte den drei Brüdern sehr zu, und sie baten den Mann bei den Sachen zu bleiben, worauf sie sich entfernten, um sich zum Wettlaufe aufzustellen. Sie gingen weit, weit weg, denn ein jeder wollte die Gegner schon in voraus ermüden. Als sie der Mann nicht mehr sah, nahm er schnell Kessel und Keule, zog die Zauberstiefel an und befahl diesen, ihn zu seinen Kühen zu tragen. Im Nu war er in einem schönen Tale, wo er die Kühe auf einer saftigen Kleeweide fand. Er trieb sie nach Hause, wo ihn seine Mutter halb verhungert erwartete. »Wo bleibst du nur so lange, Söhnchen, und lässest deine alte Mutter darben?« schalt sie jammernd. »Sei nur still und schau«, antwortete er vergnügt; stellte den Kessel vor sich hin, sagte das Sprüchlein her und der Dampf eines herrlichen Pilaw1 durchdrang die Hütte. Drei Tage lang taten sie sich gütlich. Als er dann die Kühe wieder ins Gebirge trieb, sagte ihm die Mutter: »Nimm nur den Kessel mit, dann kannst du essen, so oft dich hungert.« Er tat also, und als er sich abends am Wegrande niederließ, kam ein Hadschi2 vorbei und sprach zu ihm: »Hast du, o Hirte, nichts zu essen? Ich sterbe Hungers.« – »Setze dich nur,« sagte der Mann, und schon dampfte in dem Kessel der Pilaw.

      »Das ist eine sehr gute Sache«, meinte der Hadschi; »ich habe auch etwas, was nicht schlecht ist: einen kleinen Beutel, aus dem jedesmal, so oft man ihn schüttelt, ein Dukaten herausfällt. Dein Kessel gefällt mir aber besser, und wenn du willst, so tauschen wir. Sieh selbst, ob es wahr ist.« Und der Hadschi reichte dem Manne das Beutelchen. Dieser schüttelte es fünf, sechs Mal, und es fielen richtig fünf, sechs Dukaten heraus. Das gefiel ihm. Er gab also dem Hadschi den Kessel, dieser setzte sich auf und ritt weiter. Nach einer Weile sagte der Mann zu der Keule: »Geh hin und erschlag ihn!« Die Keule verschwand. Dann zog der Mann die Stiefel an und wünschte sich zu dem Hadschi. Dieser lag bereits tot am Boden und neben ihm die Keule. Nun nahm der Mann wieder Kessel und Keule an sich, wünschte sich zu seinen Kühen und trieb sie heim.
      Zu Hause sagte er zu seiner Mutter: »Geh du, Mutter, zum Kaiser und freie seine Tochter für mich.« – »Das getraue ich mich nicht,« sagte die alte Frau. Aber der Sohn ermutigte sie: »Geh nur zu, der Kaiser wird dir nichts tun.« Sie nahm also den Rucksack, tat ein großes Stück Aschenbrot hinein und ging. Vor des Kaisers Türe verlor sie aber wieder den Mut und ging um das Haus herum, wie die Katze um den heißen Brei. Da fragten sie des Kaisers Diener: »Worauf wartest du denn eigentlich, Alte?« Sie erwiderte: »Ich möchte gerne des Kaisers Tochter für meinen Sohn freien, aber ich traue mich nicht!« – »Tritt nur ein,« sagten sie, »es wird dir nichts geschehen.« Sie trat also ins Zimmer und als sie der Kaiser fragte, was sie wolle, sagte sie: »Ich grüße dein weißes Antlitz und mein Sohn schickt mich, damit ich für ihn um deine Tochter werbe. Ich sage es dir, und du entscheide dich, wie du willst. Im übrigen wäre mein Sohn ein tüchtiger Bursche.« – Der Kaiser lachte und sagte: »Komm näher, Alte, ich will dir etwas vom Fenster aus zeigen. Siehst du dort im Hofe die Viehtränke? Wenn sie dein Sohn ganz mit Dukaten anfüllen kann, und wenn er überdies von seinem Hause bis zu dem meinen einen Pflastersteig von gelben Golddukaten baut, dann kann er meine Tochter haben, und ihr könnt schon heute beginnen die Hochzeitsgäste einzuladen.«

      Die Alte bedankte sich für die Auskunft und berichtete alles getreulich ihrem Sohne: »Der Kaiser läßt dich grüßen, und du mögest in seinen Hof kommen und dort die Tränke mit Dukaten anfüllen; dann mögest du von unserem Hause bis zu dem seinen einen Pflastersteig von reinen Golddukaten bauen. Vermagst du das, so kannst du den Brautzug entsenden und das Mädchen abholen lassen.« – Der Bursche ging nun zu der Viehtränke und schüttelte über dieser drei Tage lang unaufhörlich das Beutelchen. Wären nicht lauter Dukaten herausgefallen, so wäre es recht langweilig gewesen. Als der Kaiser am dritten Tage das Fenster öffnete, da blinkte es ihm aus seinem Hofe wie die Sonne selbst entgegen. Der Bursche baute nun auch den goldenen Steig und führte auf diesem die schöne, liebreizende Kaiserstochter heim.

      Fußnoten

      1 Türkisches Nationalgericht, gekochter Reis mit Zutat.

      2 Bezeichnung jedes Moslims, der als Pilger in Mekka war.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Der Dumme und seine Brüder

      Es waren einmal drei Brüder. Zwei von ihnen nahm man für so gescheit, wie es die meisten Menschen sind, aber der dritte galt für recht einfältig. Alle drei waren verheiratet, hatten Kinder und wohnten gemeinschaftlich in dem ererbten Vaterhause, wie das schon so ist. Mit der Zeit wurde aber den Frauen das Haus zu enge, besonders deshalb, weil es nur eine Haustüre hatte, und obgleich die Männer meinten, es sei genug Platz da, so mußten sie doch nachgeben und das Väterliche aufteilen, damit jeder seinen eigenen Hausstand habe. Solch eine Teilung geht nicht so schnell, wie man glaubt. Sie hatten zwei große Heuschober und einen Strohschober. Die waren bald geteilt. Die Heuschober behielten die klugen Brüder, und den Strohschober gaben sie dem Dummian, der damit zufrieden war. Nun kam das Vieh an die Reihe, und die gescheiten Brüder zerbrachen sich die Köpfe, wie es wohl am besten zu teilen wäre. Der Dumme aber meinte: »Das ist doch ganz leicht! Wir lassen das Vieh in den Auslauf und das, was dem Schober eines jeden zuläuft, ist sein.« – Der Vorschlag gefiel ihnen sehr gut, und sie ließen das Vieh aus. Dieses lief natürlich zu dem süßen Heu, und zu dem Strohschober kam nur ein alter Ochs. Aber unser Dummerl war auch damit recht zufrieden und dachte nach, was er mit dem Ochsen anfangen solle. Schließlich meinte er, es sei wohl am besten, wenn er ihn abschlachte, denn: habe er sonst nichts, so brauche er den Ochsen auch nicht. Das Fleisch verzehrte er gemeinsam mit Weib und Kindern, und die Haut gedachte er in der weißen Stadt Livno zu verkaufen.

      Er nahm also eines Tages die Haut und machte sich auf den Weg. Dabei mußte er über einen Berg, und als er oben war und hinunterschaute, sah er in einem Tale vier Räuber hinter einem Felsblock sitzen und Dukaten zählen. Wie er das erblickte, warf er die Ochsenhaut auf den Wegrain, ergriff einen Knüppel und drosch damit die Haut, daß es nur so klatschte. Dabei schrie er: »Jao! jao! nicht mir die Prügel, sondern denen da unten, die die Dukaten zählen!« – Als die Räuber dies hörten, erschraken sie so heftig, daß sie schleunigst davon liefen und die Dukaten liegen ließen. Er warf nun die Haut in einen Ponor1, stieg ins Tal, suchte die Dukaten zusammen und trug sie vergnügt heim, wo er sie seinen Brüdern vorzeigte. – »Wo hast du denn das viele Geld her?« fragten diese verblüfft, und er antwortete: »Ich habe meinen alten Ochsen geschlachtet, die Haut nach Livno getragen und dort jedes Haar um einen Dukaten verkauft. Schade, daß der alte Ochs nicht mehr viel Haare gehabt hat.« – Diese Auskunft ließ die beiden klugen Brüder nicht ruhen, und sie kamen überein all ihr Vieh zu schlachten und die Häute nach Livno zu bringen. Gedacht, getan! In Livno luden sie die Häute von den Tragtieren bei einem Hadschi ab, den sie als Fellhändler kannten. »Was kostet's, Rajah2?« fragte sie der Hadschi. – »Jedes Haar einen Dukaten!« lautete die Antwort. »Ihr seid wohl Propheten, daß ihr eine ganz neue Ordnung einführen wollt«, meinte der Hadschi, ergriff dann einen Ochsenziemer, seine Diener taten desgleichen, und flugs lagen die beiden draußen auf der Straße. Sie hatten es so eilig heim zu kommen, daß sie sogar ihre Häute vergaßen. Zu Hause fielen sie über den dritten her: »Du hast uns schön angeführt; nun aber ist es aus mit dir, wir bringen dich um!« – »Das wäre mir gar nicht recht«, sagte das Dummerl, »wenn ihr aber durchaus jemanden umbringen wollt, so schlagt mein Weib tot. Es ist nichts besonderes an ihr, und ich bekomme schon wieder eine andere.«

      Die Brüder gingen auf den Vorschlag ein. Der Dummian nahm nun das tote Weib, zog es schön an, setzte es aufs Pferd, so als ob sie lebend wäre, nahm das Pferd am Halfter und ging nach Livno. Auf halbem Wege blieb er vor einer Herberge stehen, um dort zu übernachten. »Guten Abend, Hadschi«, sagte er zum Wirte. Dieser erwiderte: »Möge uns Gott Gutes bescheren, Rajah!« – »Willst du uns übernachten lassen und kann mein Weib für sich eine Kammer haben?« – »Das kann sie schon haben«, versetzte der Hadschi. Da es recht kotig war, nahm der Dummian das Weib auf die Schulter, so als wolle er ihren Sonntagsstaat schonen, und trug sie hinauf in die Kammer, lehnte sie dort an die Wand und sperrte die Türe. Dann ging er hinunter zu den Männern und verzehrte sein Abendessen. Hierauf gab ihm der Hadschi eine volle Schüssel und hieß ihn, sie seinem Weibe hinauftragen. Er tat das, und da er immer bei gutem Appetit war, aß er auch diese leer, trug sie wieder hinunter und sagte: »Sehr gut hat es meinem Weibe geschmeckt«.

      Am nächsten Morgen stand er zeitlich auf, nahm seinem Weibe die Umhüllung vom Kopfe und erhob ein großes Geschrei: »Zu Hilfe, zu Hilfe! Der Wirt hat mein Weib erschlagen!« Außer sich stürzte dieser herbei: »Ich habe dein Weib mit keinem Auge gesehen, ich schwöre es dir!« Aber der andere schrie fortwährend: »Nur du kannst es getan haben, ich werde dich beim Scheriat (Gericht) verklagen«. – Der Hadschi war ein ehrlicher Mann, den noch niemand verklagt hatte, und darum sagte er: »Ich gebe dir hundert Dukaten, nur verklag' mich nicht!« – Der jammernde Ehemann überlegte: »Tot ist sie jetzt so wie so, also gib her.« Er nahm das Geld und das Weib und zog wieder heimwärts. Das Weib begrub er, und die Dukaten zeigte er seinen Brüdern, wobei er erzählte, er habe das Geld für sein Weib bekommen. Das machte die beiden nachdenklich, und sie sprachen untereinander: »Wir könnten auch unsere Weiber erschlagen; es ist nichts besonderes an ihnen, und wir bekommen schon wieder andere.« Und sie taten es, zogen die Weiber schön an, setzten jede auf ein Pferd, banden sie da fest und führten sie gegen Livno. Auf halbem Wege mußten sie ebenfalls bei jenem Hadschi halten, um in dessen Herberge zu übernachten, und sie fragten, ob ihre Weiber wohl eine Kammer für sich allein haben könnten. »Das können sie schon haben«, sagte der Wirt, »aber vorerst will ich nachsehen, ob sie gesund sind«. Der Hadschi schob die Kopftücher der Weiber zur Seite, und da sah er, daß sie tot waren. Er wurde daraufhin so böse, daß er einen Knüttel nahm und im Verein mit seinen Dienern auf die Brüder losschlug, so daß sich diese kaum nach Hause schleppen konnten.

      Der Dumme hatte nun nichts zu lachen. Sie fielen über ihn her und sagten: »Deinetwegen haben wir unsere Weiber umgebracht, und bekommen haben wir nichts für sie, als Schläge. Und nun haben wir noch die Sorge, wo wir andere hernehmen.

      Jetzt hilft dir nichts mehr, jetzt ist die Reihe an dir, totgeschlagen zu werden.« »Tut es doch lieber nicht, jammerte der arme Narr, sondern werft mich lieber in einen Ponor.« – »Gut«, sagten sie, »weil du unser Bruder bist, so wollen wir's dir zuliebe tun.«

      Sie steckten ihn in einen Sack und schafften ihn zur Nachtzeit fort. Aber so viel sie auch suchten, sie konnten im Finstern keinen genügend großen und tiefen Ponor finden, und der Sack wurde ihnen recht schwer. So kamen sie denn überein, den Sack bis zum Morgen liegen zu lassen und dann erst weiter zu suchen. Sie warfen also den Sack hin und gingen heim, um ein wenig auszuruhen. Mittlerweile kam ein junger Hirte, der zu Sonnenaufgang seine Schafe auf die Weide trieb, an dem Sack vorbei. Er blies auf der Hirtenflöte und dachte daran, wo er wohl eine schöne, reiche Frau hernehmen könnte. Da hörte er aus dem Sacke eine Jammerstimme: »Jao, jao! Ich will aber des Kaisers Tochter nicht, ihr könnt machen was ihr wollt!« – Der Hirt kam neugierig herbei und fragte: »Was ist denn los? Was redest du da?« Und der im Sacke zeterte: »Unten im Ponor sitzt eine Kaiserstochter, und meine Brüder wollen mich durchaus hineinwerfen, damit ich die Prinzessin heirate, und ich will nicht!« Erfreut sagte der Hirte: »Wenn du nicht willst, ich will schon! Achte indessen auf meine Schafe, und du sollst ein ordentliches Trinkgeld bekommen, sobald ich mit der Prinzessin wieder oben bin!« – Damit öffnete er den Sack, ließ den, der drinnen steckte, heraus und kroch selbst hinein. Der Dummian band den Sack wieder fest zu, trieb die Schafe auf die nächste Anhöhe und schaute herum. Er sah nun, wie seine Brüder gelaufen kamen. Es war schon spät und sie hatten heute noch viel zu tun. Sie hoben also den Sack ohne weiters auf, schleiften ihn schnell zu dem nächsten Ponor, warfen ihn hinein und gingen dann ihrer Wege. Abends saßen sie recht müde vor der Hütte, da sahen sie auf einmal ihren albernen Bruder eine schöne Herde Schafe zur Zauntüre hereintreiben, wobei er sich etwas auf der Flöte vorspielte.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Sie rieben sich die Augen, und als sie wirklich ihren Bruder vor sich sahen, fragten sie ihn, wie er daher komme und woher er die Schafe habe. Der lachte und sagte: »Werft mich nur in den Ponor, das ist mir schon recht! Man fällt wie auf Seide und tut sich gar nicht weh. Und unten ist es wunderschön; wie auf einer Alm. Leider habe ich nur einen kurzen Stecken bei mir gehabt und so konnte ich bloß diese Schafe heraustreiben; wer aber einen langen Hirtenstab mitnimmt, der kann sich Ochsen holen, und wer gar eine Peitsche hat, der kann von den Pferden da unten fortführen, wieviel er will.«

      »Das wollen wir auch tun«, riefen die klugen Brüder; »der eine nimmt einen langen Stock mit sich und der andere eine Peitsche!« – Sie konnten kaum den Morgen erwarten, um zu dem Ponor zu laufen. Der dritte ging mit ihnen. Zuerst sprang der mit dem Hirtenstab hinein, und im Fallen schlug er an den Felswänden des Schlundes einigemal auf, und man hörte ihn eine Weile poltern und kollern, so daß das Dummerl rief: »Schnell, schnell, er treibt sonst alles allein weg!« Wie der mit der Peitsche das hörte, nahm er einen Anlauf und – schwupp! – war auch er in dem Ponor verschwunden.

      Von diesen beiden klugen Brüdern ist aber keiner mehr wiedergekommen, so daß das Dummerl ganz allein auf dem väterlichen Grund zurückblieb, wo es ihm so gut ging, wie es weder dir noch mir jemals ergehen wird.

      Fußnoten

      1 Typische Bodenschlünde in den wasserlosen Karstgegenden, die bei den periodischen Überschwemmungen die Austrittsöffnungen für das im Erdinnern angesammelte Wasser bilden, bezw. den Abfluß bewerkstelligen.

      2 »Ungläubige«, Anrede für christliche Bauern seitens der Moslims.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Die Gaben des Schlangenkaisers

      Es war einmal ein junger Bursche, der sich mit seiner Mutter recht kümmerlich durchs Leben schlug. Sein ganzes Vermögen bestand aus einer alten Stute, mit der er Holz aus dem Walde schaffte, das er in der Stadt verkaufte. Eines tags sagte er: »Mutter, heute will ich zu Hause bleiben, damit die alte Stute ausrastet.« Der Mutter aber war das nicht recht, und sie erwiderte zornig: »Möge doch Gott geben, daß die Stute sich ein Bein bricht.« Da legte der Bursche dem Pferde den Lastensattel auf und führte es aus dem Hofe; aber er war noch gar nicht weit gekommen, so stolperte das Tier und brach sich wirklich ein Bein. Betrübt ging er heim und sagte zur Mutter: »Du hast die Stute verwünscht und sie ist hin. Wollen nun sehen, wie wir ohne sie leben.«

      Am nächsten Tage ging er allein in den Wald, um auf seinem eigenen Rücken Holz herauszuschaffen. Da sah er auf dem Wege zwei kämpfende Schlangen. Eine kleine, weiße Natter suchte sich gegen eine große, schwarze Otter zu wehren. Er schlug mit seiner Axt die große Schlange tot und steckte die kleine in seinen Gürtel, damit sie sich erhole. Nach einer Weile hörte er sie sagen: »Dank dir, o Held! Ich bin Schahmarana, die Tochter des Schlangenkaisers, und ich bitte dich, trage mich dorthin, wohin ich dich weisen werde. Wir kommen dann zu meinem Vater, und du magst von ihm als Belohnung den Ring von seiner rechten Hand, den Teppich, auf dem er sitzt und die Peitsche, die neben ihm liegt, verlangen.«

      Bald kamen sie zu einer Höhle. Als ihn die kleine Schlange hinein kriechen hieß, stürzten von allen Seiten zischende Vipern auf ihn los. Die kleine Schlange verwandelte sich jedoch in ein schönes Mädchen mit goldenen Haaren und goldenen Kleidern und als sie die Schlangen sahen, gaben sie sogleich den Weg frei und verneigten sich vor dem Burschen, was ihm sehr gut gefiel, denn dies hatte bisher noch niemand getan.

      In einer Ecke der Höhle saß der Schlangenkaiser, trank schwarzen Kaffee und rauchte aus der Wasserpfeife. Er schaute den Burschen lange an und fragte dann: »Wem bringst du da daher, Tochter?« Schahmarana erwiderte: »Dieser Mensch ist mein Wahlbruder!1 Er hat mich aus der Gewalt meines Todfeindes befreit und ihn getötet, während alle meinesgleichen, die in der Nähe waren, geflohen sind.« Da sagte der Schlangenkaiser: »Öffne die Kammer und lass' ihn dort Dukaten nehmen, wie viel er will.« Doch der Bursche meinte: »Lieber Kaiser, ich brauche kein Geld; gib mir jedoch den Ring von deiner rechten Hand, den Teppich, auf dem du sitzest, und die Peitsche, die neben dir liegt. Entweder das oder nichts.«

      »Du begehrst viel,« erwiderte der Schlangenkaiser; »da du mir aber mein Liebstes wiedergebracht hast, so nimm hin, was dir ein Lohn däucht, damit die Menschen nicht etwa sagen können, sie seien besser und großmütiger, als die Schlangen.«

      Schahmarana begleitete den Burschen noch ein Stück Weges zurück und sagte dann: »Du hast jetzt dein Glück in der Hand; den nötigen Verstand dazu kann ich dir aber leider nicht geben. Bei den Menschen sind ja immer nur die Schlechten klug. Besser ists, man hat es im Kopf, als in der Truhe. Und damit Gott befohlen und das Glück sei dir hold!«

      Der Bursche ging nun nach Hause und fand seine Mutter vor Hunger ächzend auf dem Boden liegen. Da dachte er bei sich: »Was soll mir der Ring? Ich will ihn verkaufen und Brot dafür schaffen.« Er lief also fort. Auf dem Wege kam er an einem schönen Hause vorbei, in dem ein reiches Mädchen wohnte, das ihm schon lange gefiel. Aber was nützte ihm das? Heute war Festtag und das Haus von Burschen umlagert, die alle sehnsüchtig nach den vergitterten Fenstern blickten, ob denn die schöne Aischa nicht doch irgendwo zu sehen wäre. Aber man vernahm nur ihre spottenden Reden. Er konnte sich nicht enthalten auch ein Weilchen stehen zu bleiben; da auf einmal wurde eine Fensterluke aufgerissen und – platsch! – hatte der Bursche einen Sturzbach kalten Wassers im Nacken. Zornig sich schüttelnd, schrie er: »Warte, du struppiges Ding, du sollst mich noch bitten, dich zur Frau zu nehmen!« Dann lief er davon und ein großes Gelächter schallte hinter ihm her.
      Es war schon recht finster, da bemerkte er, wie der Ring an seinem Finger die ganze Straße erleuchtete. »Der würde mir viel Kienholz sparen,« dachte er, »schade um ihn! Auf zwei Hasen jagen, heißt aber keinen erwischen.« Er begegnete einem alten Manne, dem er den Ring anbot.

      »Wozu soll mir der Ring?« sagte der Alte, »gib ihn doch einem hübschen Mädchen!« Er schenkte dem Burschen etwas Geld, damit er Brot kaufen könne. Als aber der Bursche dem Bäcker die kleine Münze geben wollte, bemerkte er, daß er einen Dukaten in der Hand hatte. Er kaufte also gleich einen ganzen Sack Brot und ließ sich auf den Dukaten herausgeben. Daheim sah er zu seinem grenzenlosen Erstaunen, daß die kleinen Münzen sich abermals in Dukaten verwandelt hatten. Jetzt begriff er den Wert des Ringes, und da er ihn nicht vom Finger ließ, so war es ihm leicht bald reich zu werden. Er kaufte Häuser und Läden und wurde mit einem Schlage der reichste Kaufmann der Stadt.

      Die schöne Aischa wollte ihren Augen nicht trauen, als sie den armen Burschen plötzlich kostbar gekleidet einherstolzieren sah. Aber der blickte gar nicht mehr nach ihrem Fenster, wie oft sie sich auch zeigte, so daß sie vor Ärger fast erstickte. Endlich sagte sie zu ihrem Vater, dessen einziges, verzogenes Töchterlein sie war: »Schaff' mir den Burschen her, denn ich muß es erfahren, woher sein Reichtum stammt, oder ich sterbe.« Der erschrockene Vater holte nun den Burschen herbei, und dieser glaubte schon, sie werde ihn jetzt bitten seine Frau zu werden und blähte sich tüchtig. Aber sie sagte ihm nur viele schöne, süße Worte, und ehe er es selbst wußte, wie es geschah, hatte er das Geheimnis seines Ringes ausgeplappert. Nun ließ sie sich auch den Ring zeigen und – schwupp! – war sie mit diesem aus dem Zimmer und verschwunden. Er wartete auf ihre Rückkehr und wartete und wartete; dann fing er an, sich hinter dem Ohre zu krauen und schlich sich aus dem Hause, während ein übermütiges Lachen durch das Haus schallte.

      Er tröstete sich, daß er auch ohne Ring unermeßlich reich sei. Jedoch es hieß auch da: wie gewonnen, so zerronnen. Fast über Nacht schwand sein ganzer Reichtum, und eines schönen Tages sah er sich gerade so arm, wie damals, als die alte Stute verendet war. Er schämte sich in derselben Stadt zu verbleiben und so nahm er den kleinen alten Teppich des Schlangenkaisers, das einzige, was ihm geblieben, da es jedermann zu schlecht war, steckte die Peitsche zu sich, um sich der Hunde erwehren zu können, und zog mit seiner Mutter weit fort.
      So war er also wieder der arme Holzhauer, wie ehedem. Es gefiel ihm dies garnicht, denn Gesundheit ohne Geld ist die fertige Krankheit. Wohl arbeitete er unverdrossen; da aber auch der beste Ochse nicht immer pflügen kann, so setzte er sich eines Tages auf den alten Teppich, um auszuruhen. Die Mücken quälten ihn, und er zog die Peitsche hervor und schlug nach ihnen, daß es nur so knallte. Da bemerkte er, wie sich der Teppich hob, als wolle er mit ihn davonfliegen. Diese Entdeckung freute ihn sehr, und er machte nun gleich eine Probefahrt. Mit einer Hand hielt er sich am Teppich fest, mit der anderen schwang er knallend die Peitsche und wünschte sich dabei in ein fremdes Land, wie er ein ähnliches nie gesehen. Und da flog er auch schon hinaus in die Welt. Als er dort war, wohin er sich gewünscht hatte, war es ihm recht ungemütlich. Die Blumen und Bäume sahen ganz anders aus, wie daheim, und die Kühe waren so groß, daß er sich vor ihnen beinahe fürchtete. Er blieb demnach auf seinem Teppich sitzen und überlegte, daß es am besten wäre, zu der schönen Aischa zu fahren: vielleicht könne er doch wieder zu seinem Ringe kommen. Gedacht, getan! Er knallte mit der Peitsche, und da war er auch schon in Aischa's Zimmer, in dessen Mitte das Mädchen auf einer Matte lag und schlief. Der Bursche überlegte: »Wenn ich das Mädchen habe, so kann mir der Ring auch nicht fehlen«, und schob ein Stück des Teppichs unter die Schlafende, knallte mit der Peitsche und wünschte sich weit weg in eine einsame Gegend. Der Teppich flog mit den beiden zum Fenster hinaus und mitten hinein in eine Wildnis. Als das Mädchen aufwachte, machte sie große Augen und konnte es gar nicht begreifen, wie sie hieher auf den Teppich neben den Burschen kam. Da sie ihm, schnell gefaßt, auch jetzt schöne und süße Reden gab, so vergaß es der Törichte abermals, daß es besser ist Worte zu bereuen, die man nicht gesagt hat, als solche, die man gesagt hat. Also, er schwatzte alles aus, was es über den Teppich und die Peitsche zu sagen gab! Dann erst war sie zufrieden und tat, als wäre sie müde und wolle schlafen. Nachdem der Bursche sie eine Weile bewacht hatte, schlief er selbst ein. Kaum bemerkte sie das, zog sie den Teppich behutsam unter ihm hervor, setzte sich selbst recht bequem darauf, knallte mit der Peitsche, wünschte sich in ihres Vaters Haus, und weg war sie.

      Der Bursche schlief wie ein Sack bis zum Morgen. Als er erwachte, hatte er etwas zu schauen; aber soviel er auch schaute von dem Mädchen, dem Teppich und der Peitsche konnte er nicht das mindeste bemerken. Und er wußte nicht einmal, wo er war. Ringsum dichter Wald und kein Ausweg. Er ärgerte sich sehr lange, dann aber begann ihn der Hunger zu quälen, und er vergaß alles und dachte nur ans Essen.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • In der Nähe war nichts zu finden; er wagte sich also in den Wald hinein, wo er nach langem Suchen einen Pfad und neben dem Pfade einen Birnbaum fand, an dem sehr schöne Früchte hingen. Er pflückte eine Birne, aber kaum hatte er sie gegessen, verwandelte er sich in einen Esel. »Das gebührt mir auch,« dachte er. Bedächtig ging er nach Eselsart von einem Baum zum anderen, rieb sich an den Stämmen und aß dann sinnend, was herunterfiel. So kam er auch zu einem Schlehdorn und naschte an den Schlehen. Und siehe da, er bekam sofort seine frühere Gestalt wieder. Das gefiel ihm derart, daß er um Birnen zurücklief und sich dann die Taschen noch mit Schlehen vollstopfte. Jetzt lichtete sich auch der Wald, und es schien, ihm, als sähe er in weiter Ferne die Minarets jener Stadt, in der Aischa wohnte. Da hemmte ein breiter, reißender Strom seinen Weg. Er dachte daran, als Esel hinüberzuschwimmen; dann aber hätte er seine kostbaren Früchte nicht mitnehmen können. Wie er so am Ufer ratlos auf und ablief, flog über ihm ein mächtiger Vogel, so groß und stark, wie er noch keinen gesehen.

      Es war das erste, lebende Wesen, das er in dem Walde bemerkt hatte. »Hej, du!« rief er den Vogel an, »du könntest mich über den Fluß tragen, wenn du gerade Zeit hast.« – »Was gibst du mir dafür«, fragte der Vogel. – »Ich bin ein recht armer Schlucker,« sagte der Bursche »und kann dir nichts geben; aber sagen will ich dir ein Geheimnis von den Birnen und den Schlehen dieses Waldes.« Damit war der Adler zufrieden und trug ihn über den Strom. Hierauf sagte der Bursche, was er wußte, und gab dem Adler auch eine Schlehe, die dieser im Schnabel davontrug. Plötzlich hörte der Bursche einen Donnerschlag und sah mit Staunen, daß der Adler sich in einen schönen königlichen Jüngling verwandelte und die Wildnis in ein herrliches Gefild mit einem schönen, großen Schloß.

      Ganz glücklich, daß er einen bösen Zauber gebrochen, wanderte der Bursche nun frohen Mutes der Stadt zu, in der seine Aischa wohnte. Dort angekommen, legte er seine Birnen in einen Obstkorb, nahm diesen auf den Kopf, wie es die Obstverkäufer tun und rief durch die Straßen laufend: »Birnen für reiche Leute, hejjj! Jedes Stück einen Dukaten! Nur der Reichste kann sie kaufen!« Die Leute lachten ihn aus, er jedoch ging ernsthaft seines Weges, immer aus voller Lunge die Früchte anpreisend. Es hörte dies auch Aischa, die jetzt genug Dukaten besaß und das den Leuten auch zeigen wollte. Sie sandte demnach eine Dienerin hinunter und ließ dem Burschen alle Birnen abkaufen, verteilte sie an die Dienerschaft und, da es recht heiß war, setzten sich alle gleich in den Hofraum nieder und aßen. Auf einmal sahen sie staunend einander an: sie waren alle zu Esel geworden. Sie sprangen umher, schlugen aus und schrieen: »Nji – ha, nji – ha«, daß die ganze Stadt zusammenlief. Die Leute, die nicht wußten, woher auf einmal die vielen Esel kamen, hielten sich die Seiten vor Lachen, je verzweifelter sich die Langohren geberdeten. Als aber Aischa's Vater nach Hause kam und weder seine Tochter noch jemanden von seinem Gesinde finden konnte, dagegen die gleiche Zahl Esel im Hofe herumtollen sah, da fing er an das Unheil zu begreifen. Am ungeberdigsten zeigte sich eine junge Eselin, die sich immer an ihn herandrängte und in der er seine Tochter zu erkennen glaubte. Soviel er aber auch fragte, eine Antwort war nicht zu bekommen.
      Jetzt kam der junge Birnenverkäufer zu dem trostlosen Vater und sagte, er wisse wohl ein Mittel gegen den bösen Zauber, aber es müsse vorerst alles geschehen, was er sage. »Und was wäre das?« fragte der Alte. »Du mußt früher alles unrechtmäßige Gut, das du im Hause hast, herausgeben.« – »Ich weiß von keinem«, jammerte Aischa's Vater. »Also dann suchen wir in dem Zimmer deiner Tochter, und bevor wir nicht den Ring, den Teppich und die Peitsche des Schlangenkaisers finden, die sie mir weggenommen hat, kann ich ihr nicht helfen.«
      »Wie willst du ihr denn helfen?« fragte der Alte bekümmert. »Sie braucht nur dieses hier zu essen,« sagte der Bursche arglos und zog eine Schlehe aus der Tasche »und sie wird wieder, wie sie war.«

      Kaum hatte er das gesagt, so hatte die schlaue Eselin – schlupp! – nach der Schlehe geschnappt und sie hinuntergeschluckt. Und da stand auch schon wieder Aischa da und pfauchte wie eine wilde Katze. »Gib ihm nichts, mein Vater,« schrie sie, »gib ihm gar nichts!« Doch als sie sich zufällig in einem Wasserbottich erblickte, schrie sie laut auf, denn die Eselsohren waren ihr geblieben. Der Bursche hatte die Schlehe fest gehalten und ein Stückchen davon war zwischen seinen Fingern zurückgeblieben, just das Stückchen, das noch für die Verwandlung der Ohren nötig gewesen wäre.

      Es blieb nun nichts übrig, als sich auf Bitten zu verlegen; aber so viel schöne und süße Worte sie auch dem Burschen gab, dieser hörte nichts vor Lachen, wenn er sah, wie sie mit den Ohren wackelte. Da mußte sie sich also schweren Herzens entschließen, sein Verlangen zu erfüllen. Als er den Ring, den Teppich und die Peitsche wieder hatte, da gab er jedem der übrigen Esel eine Schlehe, und sie verwandelten sich gleich wieder in Menschen. Hierauf wandte er sich zum Gehen, aber Aischa hielt ihn fest und bat ihn, um Allahswillen sie doch von den Eselsohren zu erlösen. Er suchte nun lange in seinen Taschen und brachte endlich noch eine Schlehe hervor, die er ihr gab. Sie aß sie, aber o weh! Es fiel nur ein Eselsohr ab, das andere wackelte so lustig, wie zuvor. Der Bursche sagte ihr nun, er könne ihr nicht mehr helfen; sie hätte ihm eben die erste Schlehe nicht aus der Hand schnappen sollen. Und ging fort. Und jetzt lief sie ihm nach und weinte und flehte, er möge sie nicht verlassen, was solle sie denn anfangen? Habe er sie schon zum Gespötte der Leute gemacht, so möge er sie auch heiraten. Und so lief sie immerfort hinter ihm her und bat ihn, er möchte sie heiraten.
      »Gut«, sagte er endlich stehenbleibend, »so will ich dir denn deinen Willen tun, und wir wollen gleich Hochzeit machen.«

      So geschah es auch. Erst nach der Hochzeit gab er ihr die letzte Schlehe zu essen, die er in der Tasche verborgen hatte, und das zweite Eselsohr fiel auch ab. Die Geschenke des Schlangenkaisers, den Ring, den Teppich und besonders die Peitsche gab er aber nicht mehr aus der Hand. Und so war sie eine folgsame, demütige Frau, da sie nie wußte, was sie zu gewärtigen hatte. Da aber auch er nicht wußte, wessen er sich von ihr zu versehen hatte, so wurde er viel besonnener und verständiger, als zuvor, und so lebten sie denn recht einträchtig und glücklich miteinander.

      Fußnoten

      1 Wahlbruderschaft, als Freundschaft in ihrer höchsten Ausbildung, kommt bei den Südslaven unter Männern wie auch unter Frauen (Wahlschwesterschaft), ebenso zwischen Männern und Frauen vor und wird der Blutsverwandtschaft gleichgeachtet.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Der Flucher in der Johannisnacht

      Es traf sich einmal so, daß dem Johannisfeste, das die Katholiken so hoch halten, ein Sonntag voranging, und an diesem brach nun ein Bauer früh morgens auf, um rechtzeitig das Städtchen zu erreichen und dort die heilige Messe zu hören. Er nahm auch seinen Esel mit, da er in der Stadt allerhand für den Hausbedarf zu kaufen gedachte. Während der Messe betete er recht andächtig zum heiligen Johannes, um ein kleines bischen Reichtum. Und wahrlich: wems Gott nicht gibt, dem gibts der Heilige auch nicht ... Wozu auch braucht der Bauer Geld? Einen fetten Ochsen läßt man doch nicht leben ...

      Nachdem der Bauer seine Besorgungen gemacht und alles auf dem Esel aufgeladen hatte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, einen Schluck Pflaumenbranntweins zu trinken. Er band also den Esel an einen Zaun und trat ins Wirtshaus. Der Branntwein mundete ihm; er trank noch einen Schluck, und es fiel ihm so mancherlei ein. Er ließ den Kopf auf die Brust sinken, hielt die Augen nur gerade so weit offen, daß er das Branntweinkrüglein sehen konnte, und sang in langgezogenen, leisen Tönen, die sich anhörten, wie das einförmige Surren einer Gusle,1 vor sich hin, von Leid und Freud, von Schmerz und Lust, wie's ihm gerade durch Herz und Kopf fuhr. Dicke Tränen rollten ihm dabei in den buschigen Schnauzbart, und damit war es ihm sicher ernst: denn ohne Grund kann man wohl lachen, aber nicht weinen. Die Sonne stieg und brannte auf dem heißen, braunen Gesichte, ohne daß er es gewahr wurde. Aber als der kühle Abendwind darüber strich, da fuhr er erschrocken auf. Nun galt es heim zu kommen. Er band den Esel los. Munter schritt dieser voraus; mit schweren Tritten ging der Bauer hinterdrein.

      Der Vollmond machte die Nacht taghell. Auf den Bergen flammten da und dort mächtige Johannisfeuer. Der Bauer schaute und schaute, achtete dabei nicht des Weges, und stolperte und stolperte, und da ihm das lästig war, so fluchte er gedankenlos, trotz der heiligen Johannisnacht. Eben kam er an einem gewaltigen Steinhaufen, einem alten Heidengrab, vorbei, und ringsum streckte der klippenreiche Felsgrund seine dürren, wie weißes Gebein schimmernden Stümpfe aus dem ihn leicht verhüllenden, dunklen Erdreich. Plötzlich scheute der Esel und stieß ein jammervolles »Nji-ha« aus. »Tschusch! – tschusch! ...« trieb der Bauer das Tier an und schwang fluchend den Stock. Da, was war das? Ein kleines Flämmchen hüpfte über den Stock und flackerte in grünlichem Lichte zwischen dem weißen Gestein. Kalt überlief es den Bauer. Er erinnerte sich an verschiedenes, das an den langen Winterabenden die alten Mütter erzählen. Sollte da wirklich ein Schatz zu heben sein!? ... Mit zitternden Händen suchte er aus dem Gepäck den Essigkrug hervor und goß den Inhalt auf das Flämmchen. Dieses erlosch, und gelbes Gold blinkte ihm entgegen. Gierig griff er darnach und füllte damit den Rucksack, welcher so schwer ward, daß er ihn nicht tragen konnte und ihn dem zitternden Esel aufladen mußte. So schritten sie weiter in die Vollmondnacht hinein. Der Bauer war still und versuchte zu beten. Und wieder scheute der Esel. Am Wege saß ein alter Mann mit unterschlagenen Beinen und rauchte aus einer Pfeife. – »Stoj!! Halt!« rief der Alte, »gib mir mein Gold zurück!« Und er griff nach dem aufschreienden Tiere. Da zog der Bauer das Messer aus dem Gürtel und stieß es dem Alten in den Leib. Unbeweglich blieb dieser sitzen, und wankend liefen Bauer und Esel weiter.
      Und ihr schwarzer Schatten lief in dem weißen Mondlichte vor ihnen her.

      Jetzt sagte jemand laut: »Komm, wir wollen miteinander ringen; wer stärker ist, dem gehört das Gold.« – Der Bauer wollte das Gold vom Pferde schnallen und es wegwerfen, aber er brachte es nicht fertig. Der Esel lief und lief, und er lief mit; und dabei hörte er immer gleichmäßige Tritte hinter sich »Es nützt dir gar nichts«, sagte die Stimme, »du mußt mit mir kämpfen!«

      Der Bauer schlug also ein Kreuz und blieb stehen. Er fühlte sich erfaßt, und nun rang er mit aller Kraft seiner mächtigen Arme gegen ein ekelerregendes Etwas, daß er nicht fassen, nicht halten konnte, das ihm immer aus den Händen schlüpfte, wie ein nasser, seifiger Balg. Es war ein Vampyr, ein Gebilde des Teufels, welcher dem ihm verfallenen Sünder die Haut abzieht, diese mit Wasser aus dem Höllenkessel füllt und mit dem Geifer des Neides besudelt. Der Vampyr aber sucht nach Blut, nach warmem, lebendigen Menschenblut, um sich damit vollzusaugen.

      Durch volle drei Stunden rang der Bauer mit dem Vampyr. Schon war er daran zu erlahmen, da ertönte ein Hahnenschrei: »Kukurikuu ...!!« Der Vampyr ließ ab und sagte: »Wäre dieser Vogel Gottes nicht, nie würdest du dein Haus wiedersehen.«

      Damit verschwand er. Im Morgengrauen kam der Mann heim, sattelte den Esel ab, warf den mit Gold gefüllten Rucksack in einen Winkel der Hütte, und legte sich hin, um schwer krank liegen zu bleiben. Sein Weib, welches des morgens das Haus kehrte, wie dies überall geschieht, berührte dabei unversehens den Rucksack. Es vergingen ihr die Sinne, so daß sie zu Boden fiel. Nach einigen Stunden war sie tot. Am nächsten Tage geschah das gleiche mit der Tochter, dann dasselbe mit dem Bruder und dem alten Großvater. Als es dem Bauer besser ging und er endlich aufstehen konnte, fand er das ganze Haus ausgestorben, und die Nachbarn mieden es in scheuer Furcht.

      Der Bauer dachte nun, da doch alles Unheil von dem Golde aus dem Heidengrabe herrühre, so sei es wohl am besten, wenn er es wieder der Erde zurückgebe. Um von niemandem gesehen zu werden, vergrub er es am Abend unter der Herdstelle. Kaum war das geschehen, so kam ein magerer, schwarzer Hund zur Hütte herein und sagte heiser bellend: »Gib mir das, was unter deinem Herde ist!« Der Bauer bekreuzte sich und betete unablässig, und das Gespenst entschwand. Am nächsten Abend jedoch hielt vor der Haustüre eine dürre Mähre, auf welcher ein Mann mit gebrochenen Beinen saß. »Gib mir das zurück, was unter deinem Herde ist,« krächzte er.

      In tiefster Seelenangst betete der Bauer. Da jedoch der Spuck trotzdem nicht entwich, so ermannte er sich, grub das Gold aus der geweihten und gesegneten Herdstelle aus und warf es weit von sich. Es fiel in den Bach, der an der Hütte vorbeifloß, die Goldstücke verwandelten sich in Mäuse, und das Gespenst verschwand. Der Mann aber legte sich wieder auf sein Lager, und nach drei Tagen brach ihm das Herz. Was immer es gewesen sein mag, von den Menschen aus jenem Hause ist keiner mehr auf Erden zu finden.

      Fußnoten

      1 Südslavisches Saiteninstrument.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Die zwei Groschen

      Zwei Gevatter, die zugleich auch Nachbarn waren und sich sehr gut miteinander vertrugen, saßen einmal beisammen und der eine sagte: »Jetzt möchte ich nur wissen, wovon wir weiter leben sollen! Wir haben doch rein gar nichts mehr. Du hast wenigstens noch ein Weib, aber ich habe nicht einmal eine Katze, nichts als vier leere Wände und ein Dach darüber, und auch das taugt nichts mehr.« Da meinte der andere: »Weißt du was, Bruder? Wir könnten es einmal versuchen, die Leute zu betrügen.« – »Ja, ja,« sagte der erste, »wenn ich nur wüßte, wie.« – Da kratzte sich der andere ein bischen den Kopf unter der Kappe und sagte dann: »Das kann doch nicht gar so schwer sein, da es so viele treffen. Ich meine, du gehst in den Wald, holst dir einen Sack Moos, und obenauf gibst du die Wolle aus deinem Polster; und ich hole mir einen Sack Galläpfel und gebe obenauf Nüsse. Damit gehen wir in die Stadt auf den Markt und verkaufen unsere Ware nur im Großen.« – Der Plan gefiel beiden immer besser, und so zogen sie denn wirklich am nächsten Markttag mit einem erborgten Pferd, auf das sie die Säcke geladen hatten, nach der Stadt. Das Marktviertel füllte sich und leerte sich wieder, aber bei den beiden fragte nicht einmal jemand an. Schon war Sonnenuntergang nahe und die Läden sollten geschlossen werden, da sagte der mit den Nüssen unmutig zu seinem Gefährten: »Du verstehst auch gar nichts vom Geschäft! Lasse uns tauschen und nimm du die Nüsse; ich werde die Wolle schon verkaufen.« – »Ist mir recht«, sagte der andere, »aber Wolle ist mehr wert, als Nüsse und du mußt mir zwei Groschen draufzahlen.« – »Gut, du sollst sie bekommen, sobald die Wolle verkauft ist.«

      Kaum hatte er es gesagt, so kam ein Weißbart daher, erstand die Wolle und hieß den Bauer ihm den Sack nachtragen; er werde ihm daheim das Geld geben. Also, was soll man da lange hin und her erzählen, kurz: der Weißbart bemerkte es noch rechtzeitig, daß in dem Sacke nur Moos war, lief dem Bauer nach und brachte ihn vor den Kadi.1 Erst nach drei Tagen ließen sie ihn ohne Geld und ohne Sack laufen, und daheim bekam er von seinem Weib noch allerlei zu hören. Und da kam auch noch der Gevatter und verlangte von ihm die schuldigen zwei Groschen. »Woher soll ich sie nehmen?« fragte er. Der andere sagte: »Du hast versprochen mir die zwei Groschen zu geben, sobald du die Wolle verkauft hast. Die Wolle hast du verkauft, also gib mir die zwei Groschen.« – »Ich habe aber kein Geld bekommen!« jammerte der Schuldner. – »Du hast die Wolle doch verkauft und mußt mir also zwei Groschen geben.«

      Tag für Tag kam nun der Gevatter und verlangte die zwei Groschen. Da sagte der Bedrängte: »Mach' was du willst, ich hab' sie nicht; aber wenn du willst, so will ich versuchen etwas zu stehlen, aber du mußt mir dabei helfen.« Der Gevatter war dazu bereit und der Schuldner meinte: »Sünde ist's, den Bauer zu bestehlen; Kaufleute gibt es im Dorfe keine, also gehen wir zum Frater,2 der hat ohnehin alles umsonst.« – Und sie schlichen sich nachts zu des Pfarrers Keller, in dem ein großer Bottich mit Weizen stand. Jener Gevatter, welcher der Gläubiger war, machte den Aufpasser, und der andere war eben daran einen großen Sack mit dem schönen gelben Weizen anzufüllen. Da hörte er ein Geräusch, und aus Angst schlüpfte er schnell in den Sack hinein und blieb regungslos liegen. Der Aufpasser eilte herbei, um ihn zu warnen; als er ihn aber nicht mehr sah, glaubte er ihn schon davongelaufen, lud rasch den gefüllten Sack auf und rannte querfeldein nach Hause. Dabei liefen ihm die Hunde nach und zerrten an dem Sacke, so daß der, welcher drinnen war, eine Heidenangst bekam und schrie: »Heb' doch den Sack ein bissel höher, sonst bringen mich die Hunde um.« – Der Andere, welcher sich über den schönen Weizen im Sacke gefreut hatte, wurde nun zornig und ließ den Sack fallen, und da der im Sacke nicht gleich heraus konnte, fanden ihn die Leute des Fraters und prügelten ihn windelweich durch, so daß er fast auf allen Vieren heimkam.

      Am nächsten Tage aber war schon wieder der Gevatter da und verlangte die zwei Groschen. Dem Weibe war das schon langweilig, und sie sagte zu ihrem Manne: »Daß dich der Donner ...! Warum zahlst du ihn denn nicht?« – »Weil ichs nicht hab', du Weibskopf«, brummte er; »aber mir ist das viele Reden jetzt wirklich zuwider, und so will ich mich denn hinlegen und nicht mehr muksen. Und wenn der Gevatter kommt, so sage ihm, ich sei gestorben. Dann wird er mich wohl in Ruhe lassen.«

      Als der Gevatter nun kam und wieder die zwei Groschen verlangte, sagte ihm das Weib: »Mein Mann kann dir nicht zahlen, er ist gestorben.« – Der Gevatter jedoch erwiderte: »Und wenn er auch gestorben ist, ich gehe nicht früher fort, als bis er mir die zwei Groschen gibt.« – Er setzte sich zu ihm, um die Totenwache zu halten, und dabei verlangte er fortwährend seine zwei Groschen.

      Es kamen nun vier Männer, um den Toten zu Grabe zu tragen. Ihnen voraus ging der Pope3 und las dabei etwas aus einem Buche. Hinter der Tragbahre ging das wehklagende Weib und der Gevatter, der die zwei Groschen verlangte. Da wurde der Geistliche recht böse und schlug auf den Gevatter los. »Was«, schrie er, »der Tote soll dich zahlen?« – »Ja«, sagte der Gevatter, »früher gehe ich nicht weg von ihm.« Auf dem Wege war ein Kirchlein, in das der Pope den Toten hineintragen ließ. »Da soll er bis morgen bleiben«, sagte er, »und der Gevatter soll seine Sache mit ihm ausmachen; sonst ist er im Stande, noch am offenen Grabe seine zwei Groschen zu verlangen.«

      Der Geistliche zündete die Ampel vor dem Altare an, dann gingen alle fort, und die beiden Gevatter blieben allein. Der eine lag auf der Bahre und schwieg, und der andere saß neben ihm und verlangte die zwei Groschen.
      Da zog in der Nacht eine Räuberbande an dem Kirchlein vorüber. Ihr Anführer, der Harambascha, sah das Licht brennen und sagte zu seinen Gefährten: »Legt die Waffen ab und tretet ein! Wir wollen jeder einen Dukaten opfern und wieder einmal zu Gott beten.« – Sie taten so, und der Gevatter fand kaum Zeit, sich hinter den Altar zu flüchten. Nachdem die Räuber gebetet hatten, brachten sie ihre letzte Beute herbei, um sie zu teilen. Es war ein großer Haufen Dukaten und ein Handschar.4 Einer der Räuber sagte: »Ich möchte statt Geld lieber das Messer nehmen, wenn ich wüßte, daß es etwas taugt.« – »Du kannst es ja leicht an jenem Toten dort versuchen«, erwiderte man ihm. Als der auf der Bahre das hörte, sprang er auf und suchte auch hinter dem Altare Zuflucht. Das erschreckte die Räuber derart, daß sie alles liegen und stehen ließen und liefen, was sie laufen konnten. Nach einer Stunde blieb endlich der Harambascha stehen und meinte: »Jetzt möchte ich aber doch wissen, vor was wir eigentlich davongelaufen sind!«

      Da sagte einer: »Ich will zurückgehen und schauen, wenn noch jemand mit mir geht.« – Es gingen also ihrer zwei nach dem Kirchlein zurück.

      Dort hatten sich indessen die beiden Gevatter hinter dem Altare begrüßt und einander nach der Gesundheit befragt. Dann gingen sie daran das viele Geld, das die Räuber in der Kirche zurückgelassen hatten, zu teilen, und als sie damit fertig waren, verlangte der eine Gevatter von dem andern noch die zwei Groschen, die ihm dieser schuldig war. Darüber gerieten sie nun abermals in Streit und machten dabei einen solchen Lärm, daß ihn die Räuber bis hinaus hörten. Ganz entsetzt flohen sie zu den Ihren und meldeten: »Es wären der Gespenster so viele in der Kirche, daß von dem Haufen Dukaten auf jedes Gespenst nur zwei Groschen kämen.« Und die Bande lief weiter, ohne sich umzusehen. – Die beiden Gevatter aber gingen vergnügt miteinander heim, wobei der eine von dem andern immer die zwei Groschen verlangte. Und er würde sie noch heule verlangen, wenn der andere nicht einen Dukaten gewechselt und ihm die zwei Groschen endlich gegeben hätte. Falls sie noch leben, sind beide noch heute reiche Leute und gute Nachbarn.

      Fußnoten

      1 Türkischer Richter

      2 Die katholischen Landgeistlichen in Bosnien sind durchwegs Franziskaner

      3 Der orientalisch-orthodoxe Priester

      4 Großes Kampfmesser
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Das Füchslein

      Die Maus lag behaglich im Gebüsch und blinzelte schläfrig mit den Äuglein. Da fiel ein dürres Blatt raschelnd auf sie herab. Erschrocken sprang sie auf und lief, was sie laufen konnte. Dabei begegnete ihr der Fuchs. »Wohin so eilig?« fragte er. Sie entgegnete: »Vom Himmel schoß es, wie mit einer Kanone, und kaum gelang es mir, mich zu retten; auch dich kann es treffen!« – Schleunigst kehrte der Fuchs um und lief mit der Maus. Nun kam der Wolf in die Quere und hielt sie an. »Es schießt mit Kanonen vom Himmel«, riefen sie atemlos, und bestürzt lief der Wolf mit ihnen. Jetzt stießen sie auf den Bären. »Warum rennt ihr denn so, wie der Zigeuner vor dem Kadi?« fragte er die Eiligen. Wie er jedoch den Sachverhalt erfahren hatte, machte auch er Kehrt und trottete ihnen nach. Endlich ging allen vieren der Atem aus, und sie verkrochen sich in einer Höhle und lauschten. Nachdem aber alles ruhig blieb, wagten sie sich langsam wieder hervor und beratschlagten. Sie kamen überein, beisammen zu bleiben, um sich besser verteidigen zu können. Sie wirtschafteten recht gut miteinander, was zur Sommerszeit allerdings nicht schwer ist, und waren vergnügt, wie der Hund auf der Hochzeit. Damit sie aber auch im Winter nicht Mangel litten, sammelten sie auf Vorschlag des klugen Bären Honig ein und füllten
      damit drei große Fässer.

      Dem Fuchs stach der Duft des Honigs immerfort in die Nase, was ihn derart belästigte, daß er auf Abhilfe sann. Endlich fiel ihm etwas ein. Er schlüpfte in ein Loch und rief verdrießlichen Tones: »Ojojojoj!! Wer ruft mich dort?!« – Dann kam er hervor, ging eine Strecke weit weg, hielt sich die Pfote lauschend an das Ohr und kehrte dann zurück. »Was gibts denn?« fragte der Wolf. »Pah«, meinte der Fuchs übellaunig, »dort drüben im Ort ist eine Frau ins Kindbett gekommen, und da laden sie mich ein.« – »Warum willst du denn nicht hingehen und den Wochenbesuch abstatten, Füchslein?« meinte der Bär. Der Fuchs schien noch eine Weile zu überlegen, und dann ging er endlich. Aber nicht ins Dorf, sondern ganz heimlich zu den Honigfässern, und es dauerte gar nicht lange, so war eines davon leer.

      Der Honigduft ließ ihm aber noch immer keine Ruhe, und so machte er es wie das erstemal und ließ sich zu einen Wochenbesuch laden. Den Gefährten fiel es nicht auf, daß der Fuchs so viele Beziehungen hatte, denn er galt von jeher überall als wohlgelitten wegen seiner feinen Art, etwas, das man dem Bären und dem Wolf ebensowenig nachrühmen konnte, wie einem Frosche ein schönes Gefieder.
      Das ging also mit den Einladungen so fort, bis der Fuchs mit dem Honig fertig war. Mittlerweile war der Winter gekommen, den Wolf hungerte es, und so ging der Bär, als ältester, um nach den Honigfässern zu sehen. Wie weit er aber auch die Augen aufriß, die Fässer blieben leer. »Wer hat das getan?!« brummte er. »Sicherlich der nichtsnutzige Mäusling«, heulte wütend der Wolf. Flink schlüpfte die Maus unter einen Stein. »Der Fuchs hats getan, ich habe ihn gesehen«, wollte sie sagen, aber sie konnte es nicht, denn der Stein kam ins Rollen und erdrückte sie. Indessen kletterte das Füchslein schnell hinauf auf eine Buche, und nun begannen Wolf und Bär sich vor den leeren Fässern zu zausen. Der zornige Wolf vergriff sich an dem ehrlichen Bären und biß und zwickte ihn, bis dieser die Geduld verlor und er dem Wolf Eins versetzte, daß er umfiel und nicht mehr aufstand. Das gefiel dem Fuchs, der von der Buche herab zusah, außerordentlich, so daß er ein Kichern nicht unterdrücken konnte. Der Bär jedoch, welcher erst jetzt den Fuchs auf dem Baume bemerkte, nahm das sehr übel und begann erbost den Baum auszuscharren, um den Fuchs zu bekommen.

      Dieser schwang sich aber auf den nächsten Baum und schaute sehr ruhig zu, wie der Bär grub und wühlte. Endlich war die Buche entwurzelt, sie schwankte und wankte und stürzte dann krachend nieder und erschlug den Bären. So blieb denn der schlaue Fuchs trotz allem im Recht.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Die Stieftochter

      In einer Stadt lebte einmal eine Witwe, die eine häßliche Tochter namens Hata, eine schöne Stieftochter namens Fata hatte. Da geschah es, daß in der Nachbarschaft eine große Hochzeit gefeiert wurde, zu der, wie sich das von selbst versteht, alle Nachbarn eingeladen waren. Die Witwe schmückte ihre eigene Tochter, die eine Nase hatte, wie ein Brunnenschwengel, so gut sie es nur vermochte und führte sie auf das Hochzeitsfest zum Reigentanze. Die Stieftochter aber mußte das Haus hüten. Darüber war Fata natürlich sehr betrübt, und als es dunkelte, litt es sie nicht mehr im Hause, so allein wie sie war, und sie ging in den Stall zu der Kuh, die breit auf der Streu lag und kaute. »O, du gute Kuh, meine liebe Schwester«, seufzte das Mädchen, »leicht findet sich ein Gefährte zum Singen, aber schwer einer zum Weinen!«

      »Wo fehlts denn?« brummte die Kuh Fata an.
      Das Mädchen schüttete nun ihr Herz aus. Die Kuh dachte lange, lange nach, wie das die Kühe schon so tun, und sagte dann bedächtig: »Wenn es zu trocken ist, so braucht man Regen, aber keinen Freund. Faß also mein rechtes Ohr an und schüttle es!«
      Fata tat wie ihr geheißen, und aus dem Kuhohr fiel eine große Schachtel heraus. Sie öffnete diese und wahrlich, sie hatte Grund zum Staunen! Ganz obenauf lag eine Dimije1 aus Atlas, dann kam ein seidener Flaus und ein Jäckchen, ganz bedeckt mit goldenem Stickwerk; dann kamen blaue Samtpantöfflein, benäht mit goldenen Schnürchen, und endlich kam der Fes, auf dem die gelben Golddukaten schuppenartig aneinander gereiht blinkten und kostbare Edelsteine funkelten.

      »Jetzt also gehe zum Tanze«, brummte die Kuh, »denn Mädchen, die davon fern bleiben müssen, zerschlagen das Küchengerät!«
      Hurtig schlüpfte Fata in die Gewänder, die ihr wie angegossen sassen, und eilte nach dem Nachbarhause. Verhüllten Angesichtes huschte sie scheu an den Gemächern der Männer vorüber, durchschritt auch schnell das Frauenhaus, wo die Mütter rauchend und schwätzend beisammen saßen, und ging gleich in den Hofraum, um den Reigen der Mädchen anzuführen. In ihren Kleidern aus blankem Golde, war sie noch hundertmal schöner als gewöhnlich, und da sie niemand erkannte, so brannten alle vor Neugierde, wer sie sei; aber der Anstand verbietet zu fragen. Die jungen Burschen, die durch die Zäune und die Gartentüre nach den Mädchen lugten und ihnen ab und zu feine, süße Worte zuriefen, hatten jetzt nur mehr Augen für Fata. Dies ärgerte die Mädchen. Insbesondere Hata war es zumute, als wäre ihr Pfeffer in die Augen gekommen und sie lief ins Haus zu ihrer Mutter, die sich alles vom Fenster mitangesehen hatte, und beide gingen nach Hause. Fata aber eilte ihnen voraus, zog im Stall rasch die Kleider aus, legte sie in die Schachtel zurück, steckte diese der Kuh ins Ohr, und als die Stiefmutter mit ihrer Tochter ankam, saß Fata bereits wieder am Herdfeuer und putzte das Kupfergeschirr blank.

      Die beiden waren sehr übler Laune; am nächsten Tage gingen sie aber doch wieder auf das Hochzeitsfest. Fata lief auch schnell zu ihrer lieben Kuh, umarmte sie und zog sie am Ohr, und brummend ließ diese wieder die Schachtel fallen.

      In des Nachbars Haus war alles wie am Tage vorher, nur befand sich unter den jungen Burschen hinter dem Zaun auch des Sultans Sohn, der von der schönen Fremden gehört hatte und nun gekommen war, sie zu sehen. Er war so berückt von ihrem Anblick, daß er den Kopf zur Gartentüre herein steckte, um ihr ein Basilikum-Stenglein zu bieten. Kreischend flohen die Mädchen, wie dies der Anstand gebietet, und mit ihnen Fata.

      Zuhause gab sie die Gewänder wieder der treuen Kuh, und als Stiefmutter und Stiefschwester scheltend heimkamen, da entnahm sie aus den Reden, daß es des Sultans Sohn gewesen sei, der ihr das duftende Zweiglein reichen wollte, und ihr Herz hüpfte vor Freude. Kaum vermochte sie es den dritten Festtag, der – ach! – der letzte war, zu erwarten, und als sie endlich wieder allein im Hause war, lief sie zu der Kuh und zog sie derart am Ohr, daß diese brüllend die Schachtel fallen ließ. Mochte sie nun brummen, Fata hörte gar nicht darauf, und bald stand sie wieder in jenem Hofraume und führte den Reigen an, zu dem der Gesang der Mädchen weithin über die Dächer schallte. Aber die Gartentüre öffnete sich nicht wieder, so sehr auch die Mädchen nach ihr schielten, und Fata's Singen erstickte bald in aufsteigenden Tränen. Traurig schlich sie sich fort; aber als sie über die Gasse huschte, da sah sie ihn, des Kaisers Sohn, plötzlich neben sich. Er faßte sie, ohne auf Gesetz und Herkommen zu achten, an der Hand, sie aber riß sich los und lief, was sie laufen konnte, wobei ihr ein Pantoffel vom Fuße fiel. Weinend kam sie zu ihrer Kuh in den Stall: »O, meine Schwester«, jammerte sie, »viel habe ich verschuldet!«

      Der Kuh tat noch immer das Ohr weh, an dem sie Fata gezogen hatte, so daß sie gar nicht hörte. Traurig gab ihr Fata die Schachtel zurück, und nun war es wieder wie alle Tage.

      Der Sultanssohn jedoch konnte das fremde Mädchen nicht vergessen und wurde immer magerer. Da sich Husten und Liebe nicht verheimlichen lassen, so kam auch der Sultan bald dahinter, was seinen Sohn drückte. Er ließ nun in allen Stadtteilen ausrufen, daß alle Mädchen, die bei jener Hochzeit im Reigen getanzt hätten, ins Schloß kommen mögen, und welcher der gefundene Pantoffel passe, diese werde seine Schwiegertochter. Die Mädchen kamen nun von allen Seiten gelaufen, auch Hata mit der schiefen Nase, alle aber mußten beschämt abziehen, da sie zu große Füße hatten und der Prinz obendrein erklärte, er würde keine von ihnen küssen, nicht einmal durch neun Leintücher. Fata aber wagte aus Angst vor ihrer Stiefmutter nicht hinzugehen, und deßhalb wurde der Sultanssohn immer magerer.

      Das Ungemach sucht immer nach Gefährten, und so erkrankte gleicherzeit auch der Lieblingsschimmel des Prinzen. Der Kaiser sandte neuerdings Ausrufer nach allen Richtungen, die es verkündeten, daß eine hohe Belohnung dem sicher sei, der den Schimmel heilen könne. Wäre es ein Mann, so mache ihn der Kaiser zum Pascha, wäre es ein Weib, so erhalte sie so viel Gold, als sie forttragen könne. Natürlich wollte nun jedermann Roßarzt sein, aber auch das geht nicht so leicht wie man glaubt. Der Schimmel kam immer mehr herunter, und der Prinz reiste fort in ein anderes Schloß seines Vaters, um die Roßkuren nicht zu sehen. Als Fata all das hörte, wurde ihr Herzleid übermächtig, und sie ging nach des Kaisers Schloß, vor dem auf einer Wiese traurig der Schimmel stand, umgeben von vielen Dienern, die ihm seidene Kissen und Hafer und Heu auf goldenen Schüsseln hinhielten. Dem Mädchen liefen die Tränen aus den Augen, wie der Regen aus den Wolken strömt, und sie begann ihres Liebsten Pferd zu streicheln.

      Wo ihre Hand es berührte, da begann sein Haar zu wachsen. Es hob den Kopf, und als das Mädchen es unter fortwährendem Streicheln umschritten hatte, begann es zu wiehern, schlug übermütig aus, so daß die Diener ins Gras kollerten, und sprang lustig herum. Alles wunderte sich, und der Kaiser, der vom Fenster aus zugesehen hatte, kam nun selbst schnell mit dem Pantoffel gelaufen, um ihn Fata anzuprobieren. Der Pantoffel paßte natürlich, da er doch der ihre war. Darüber hatte der alte Kaiser fast eine ebenso große Freude, wie über des Schimmels Genesung, und er hieß das Mädchen heim gehen und sich waschen und verhüllen, da sie jetzt die Braut seines Sohnes wäre. Er werde kommen sie zu holen, um sie seinem Sohne zuzuführen.

      Die Stiefmutter und deren Tochter ließen es sich nicht merken, daß sie das Glück der armen Waise mit Haß erfüllte. Sie taten sogar sehr freundlich, und die Stiefmutter sagte zu Fata: »Höre, meine liebe Tochter! Du bist aus gutem Hause; da schickt es sich, daß dich eine Verwandte als Beistand deinem Bräutigam zuführt. Es wird dir also Hata das Geleite geben. Und nun sage, was du dir als Aussteuer wünschest.«

      Fata wünschte sich nur ihre Kuh, und darüber war diese so erfreut, daß sie die Schachtel aus dem Ohre fallen ließ. Als Fata nun so herrlich geschmückt dastand und die Stiefmutter in ihr jenes fremde Mädchen wieder erkannte, da war es ihr, als ob eine Schlange sie ins Herz bisse, und sie sagte heimlich zu ihrer Tochter: »Der wollen wir jetzt einen Brei einrühren! Warum sollst nicht du des Sultansohnes Frau werden? Du wirst mit ihr in die Sänfte steigen, und wenn ihr mitten im Walde sein werdet und sie durstig wird, so sage ihr, daß man für einen Trunk Wassers seine Augen hingeben müsse. Nimm ihr dann die Augen, lasse sie im Walde und zieh' aufs Schloß, als des Prinzen Braut.«
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Diese Rede hörte Hata sehr gerne. Der alte König, der mit vielen vornehmen Hochzeitsgästen, alle auf fetten, goldgezäumten Rossen, bereits ungeduldig vor dem Hause wartete, mahnte zur Eile, und die Mädchen warfen daher schnell ihre Tücher über und stiegen in die Sänfte, die von zwei Pferden getragen wurde, an denen alles von Edelsteinen blitzte. Wie sie mitten im Walde waren, begann es die Braut zu dürsten, und sie jammerte:

      »Ojj, hätt' ich jetzt ein Wässerlein!
      Was nützt mir Gold und Edelstein?«

      Hata erwiderte: »Ein Trunk Wasser kostet hier das Augenlicht. So hat der Sultanssohn es anbefohlen.« – Erschrocken schwieg Fata, doch als Stunde auf Stunde verging und sie noch immer im Walde waren, da konnte sie es, vor Durst gar nicht mehr aushalten und sie jammerte:

      »So nimm die schwarzen Äugelein,
      Für ein frisches, klares Wässerlein.«

      Darauf hatte die Stiefschwester nur gewartet. Sie ließ den Sänftenführer halten und sich abwenden, wie es der Brauch, und führte Fata zum nächsten Quell. Dort grub sie ihr die Augen aus dem weißen Angesichte, eilte zu der Sänfte zurück und hieß den Führer rasch den übrigen folgen.

      Als für Fata plötzlich das Sonnenlicht der finstern Nacht wich, als auf ihr angstvolles Rufen niemand antwortete, die Dornbüsche ihr die weiße Stirne blutig rissen und sie an dem langen Seidenhaare zerrten, da fiel die Verratene in tränenlosem Schmerze auf den Boden nieder. Mit einemmale fühlte sie ein sanftes Streicheln. Es war die Kuh, welche ihrer Spur gefolgt war und die sie nun hinausführte aus dem finsteren Wald in ein kleines Dorf. Die Menschen staunten über das schöne, blinde Mädchen in den goldenen Gewändern, das von einer Kuh zu ihnen geführt wurde.

      Und Fata sagte; »Meine lieben Brüder! Wenn ihr Menschenherzen habt und wisset, was Kummer ist, so nehmt mich auf bei euch und seid dafür gesegnet bis in euer zehntes Glied!« – Alle öffneten ihr Haus und Herz. Doch die Kuh führte sie zu dem Ärmsten, einem frommen Graubart mit weißem Turban, der alljährlich zum Grabe des Propheten pilgerte. Und staunend sahen es die Leute, daß unter den Tritten des Mädchens Blumen aufsproßten.
      Still saß sie nun Tag um Tag an dem Fensterchen der Hütte und ließ die Sonnenstrahlen auf ihr lichtloses Antlitz fallen. Die Kuh aber ging in aller Gemütsruhe auf die Weide und versorgte das Haus reichlich mit Milch, Butter und Käse, so daß es dem alten Hadschi so gut ging, wie nie zuvor.

      Eines abends, als sie allein waren, sprach die Kuh zu dem Mädchen: »Da du doch ohne Augen nicht weinen kannst, wie das schon so Menschenart ist, so haben andere für dich geweint und ich habe diese Tränen gesammelt. Zieh' mich einmal am linken Ohre, und es werden zwei Kästchen herausfallen, gefüllt mit kostbaren Perlen. Diese Kästchen gib unserem Hadschi, und er möge im Lande herumziehen und rufen: ›Wer kauft schöne, echte Perlen?‹ Und wird er gefragt, was sie kosten, so möge er antworten: ›Ein Kästchen ein Auge und das zweite Kästchen das zweite Auge!‹«

      Der fromme Graubart war gleich bereit zu tun, was die Blinde von ihm verlangte, und machte sich mit den Kästchen auf den Weg. Lange konnte er keinen Käufer finden, denn der geforderte Preis war jedem zu hoch. So kam er auch zu des Sultans Schloß, ging dort in den Hof und rief: »Wer kauft schöne, echte Perlen?« Als dies die Frau des Sultansohnes, die schiefnasige Fata, hörte, lief sie ans Fenster, ließ sich von dem Hadschi die Perlen zeigen und fragte nach dem Preise. Der Hadschi sagte: »Ein Kästchen ein Auge, das zweite Kästchen das zweite Auge.«

      »Warte, ich kaufe beide Kästchen!« rief die häßliche Prinzessin, suchte dann die beiden Augen hervor, die sie ihrer Schwester im Walde aus dem Gesichte gegraben hatte, und schickte damit eine Sklavin zu dem Hadschi hinab. Willig gab er die Kästchen für die Augen hin und brachte diese Fata.
      »Die Perlen sind verkauft«, sagte er ihr, »hier hast du die Augen.«

      Das Mädchen verhüllte fromm ihr Haupt wie zum Gebet, nahm die Augen, wusch sie mit dem heiligen Wasser aus dem Brunnen Sem-Sem, das der Hadschi aus Mekka mitgebracht, wusch dann ihre leeren Augenhöhlen, tat im Namen Allahs und seines Propheten Muhamed die Augäpfel hinein, und Allah tat ein Wunder und die Sonne leuchtete auch wieder für sie.

      Das ganze Dorf freute sich darüber, und der fromme Graubart, das schöne Mädchen und die gute Kuh lebten friedlich miteinander weiter. – Da zog ein Ausrufer des Sultans durchs Land und verkündete überall laut, des Sultans Schwiegertochter wäre von einer schlimmen Krankheit befallen worden und wer sie heilen könne, bekäme eine große Belohnung. Wäre es ein Mann, so würde er Pascha werden, wäre es eine Frau, so erhielte sie soviel Gold, als sie davonzutragen vermöge.

      Auch Fata hörte dies und dachte sich, daß sie vielleicht zu Allahs Preis ein gutes Werk tun könne. Darum zog sie mit dem Hadschi und der Kuh nach dem Kaiserschlosse. Schon im Hofe hörte sie das Schreien und Wehklagen der Kranken, und als sie zu ihr in die Stube trat, da erkannte sie in des Sultans Schwiegertochter ihre Stiefschwester Hata. Die schien von Sinnen zu sein vor Schmerz und riß immerfort an ihren kostbaren Perlenhalsbändern, die ihr niemand abzunehmen vermochte und von denen jede einzelne Perle sie wie ein siedender Bleitropfen brannte. Da erbarmte sich des Mädchens weiches Herz, und sie hub leise an zu singen:

      »Höre Schwester, meines Vaters Tochter,
      Dessen Freude du wie ich einst waren:
      Deine Schuld will ich ins Wasser werfen,
      In die Wolken, in die Lüfte streuen ...
      Was im tiefen Walde einst auch sei geschehen,
      Nimmer will ich dessen düst're Schatten sehen.
      Heil ward mir das Herze, hell der Augen Schein,
      Drum um Allahs willen will ich dir verzeih'n ...«

      Da fielen die Perlenschnüre von Hatas Halse ab, und sie sank tot auf den Teppich nieder.
      Der Sultan und sein Sohn, der noch immer so mager war wie früher, erkannten in dem fremden Mädchen die eigentliche Braut wieder, und wie sie ihre Schicksale erzählte, wurde der Sultan bis zu Tränen gerührt. Schon am nächsten Tage fand die Hochzeit der schönen Fata mit dem Prinzen statt. Vorher aber ging der Sultan noch mit der Stiefmutter, die alles Unglück angestiftet hatte, ins Gericht. Er ließ sie an zwei windschnelle Hengste binden, steckte unter deren Mähnen glimmende Schwämme, und so wurde die böse Witwe von den Pferden in Stücke gerissen.

      Der fromme Hadschi erhielt einen Sack Dukaten und konnte für immer nach Mekka ziehen, wo er sein gottgefälliges Leben beschloß. Die gute Kuh wurde gehegt und gepflegt und brauchte keine Milch mehr zu geben. Sie hätte auf Samt und Seide schlafen können, aber sie war eben eine Kuh und erhob sich nicht gerne über ihren Stand. Deshalb war ihr Stroh lieber.

      Und der Sultanssohn, der jetzt zu seines Vaters Freude täglich fetter wurde, lebte mit der armen Waise glücklich und zufrieden.

      Fußnoten

      1 Weites Beinkleid der türkischen Frau.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Die klugen Brüder

      Da es mehr arme Menschen auf der Welt gibt, als reiche, so gibt es auch viel mehr Geschichten von armen Leuten zu erzählen. Hier wäre wieder eine solche.

      Es waren einmal drei arme Brüder, die nichts besaßen, als sehr viel Verstand und eine alte Stute. Nun brauchten sie aber zum leben die Stute viel notwendiger, als ihren Verstand, denn dieser trug ihnen gar nichts ein, während sie durch die Stute alles verdienten, was sie brauchten, und das war ja eigentlich recht wenig. Die Brüder waren also sehr betrübt, als ihnen eines nachts die Stute von der Weide gestohlen wurde. Nachdem sie sich müde gesucht hatten, setzten sie sich am Wegrand hin und sagten zu einander: »Laßt uns raten, wer das Pferd gestohlen haben könnte.« Da meinte der Älteste: »Mir kommt vor, als hätte es ein mittelgroßer Mann getan.« – »Ist er mittelgroß, dann hat er auch einen blonden Bart«, versetzte der Zweitälteste, und der Jüngste fügte hinzu: »Hat er einen blonden Bart, so ist es der Mussa.«

      Nun hieß es Mussa suchen. Sie gingen fort und fort, von Dorf zu Dorf, viele Tage lang, aber nirgends war jemand zu finden, der Mussa hieß. So kamen sie in eine große Stadt, und als sie durch das Marktviertel schlenderten und neugierig die vielen Waren besahen, hörten sie, wie ein Kaufmann jemandem über die Straße zurief: »Komm' herüber, Nachbar Mussa, und trinke mit mir einen Kaffee!«

      Neugierig blieben sie stehen und schauten. Da sahen sie einen mittelgroßen, blondbärtigen Mann über die Straße gehen. »Ha, das muß er sein!« sagten sie heimlich zu einander. Sie gingen ihm nach, und als er in dem Laden bei seinem Freunde saß, fragten sie ihn vorerst höflich nach der Gesundheit und dann sagten sie ihm, er möge ihnen doch die gestohlene Stute wiedergeben, da sie sie notwendig brauchten. Der Mann, der Mussa hieß und der ein wohlhabender Kaufmann war, erwiderte, er wüßte nichts von ihrer Stute, und alle seine Nachbarn traten hinzu und bezeugten, daß Mussa ein ehrlicher Mann sei. Jedoch die Burschen beharrten bei dem, was sie gesagt, und da Mussa beim Leugnen blieb, gingen sie zum Kadi und trugen ihm ihr Anliegen vor. Lange strich sich der Kadi den Bart und fragte dann: »Wie kommt ihr denn darauf, daß Mussa der Dieb sei?« – Sie erwiderten: »Es kommt uns so vor!« – Der Kadi dachte wieder nach und schaute die Brüder an, die Brüder schauten ernsthaft den Kadi an, und so sagte dieser endlich: »Kommt heute zu mir in mein Haus zum Abendessen.«

      Die Burschen gingen also hin, der Diener setzte ihnen die Mahlzeit vor, und während sie die Speisen bedächtig verzehrten, sagte der Älteste: »Nie aß ich so gutes Brot; der Weizen dazu ist sicherlich am Friedhofshain gewachsen.«

      Der Mittlere schnalzte mit der Zunge und meinte: »Und erst dieses gebratene Lamm! Es ist so gut, als ob ein Schwein es gesäugt hätte.«

      »Meinst du?« fragte der Jüngste nachdenklich; »nun, wenn dieses Lamm von einem Schweine genährt wurde, dann ist der Kadi ein Bastard.«

      Der Hausherr hörte aus dem Nebenzimmer jedes Wort, das die Bauernburschen sprachen, und ihre Reden berührten ihn gar seltsam. Er steckte nun in eine Tasche seines Kaftans eine Zitrone, in die andere ein Ei und trat unter seine Gäste, um sie zu fragen, ob sie gut bedient worden wären. Dann meinte er: »Da ihr gerne ratet, so sagt mir, was ich in meiner rechten Tasche habe?« – Der Älteste sagte schnell: »Nun, was es auch sei, rund ist es sicherlich.« – »Ist es rund«, versetzte der mittlere der Brüder, »so ist es auch gelb.« – »Gelb?« fragte der Jüngste, »nun, dann kann es eine Zitrone sein.« Auf ähnliche Art errieten sie auch, daß der Kadi in seiner linken Tasche ein Ei hatte. Das gab dem Kadi Grund zum Denken, und er schickte am frühen Morgen einen Boten auf sein Landgut und ließ seine Bauern holen, um sie zu befragen, wo der Weizen zu seinem Brote gewachsen wäre. Sie erwiderten, es sei der Weizen von einer Friedhofswiese, wo er am besten in der ganzen Gegend gedeihe. Als dann der Kadi frug, wie das Lamm, das sie ihm zuletzt gesandt, gefüttert worden sei, gerieten sie in Verlegenheit und sagten, es wäre gefüttert worden, wie alle anderen. Als aber der Kadi in die Bauern drang, offen zu sein, gestanden sie, ein Christ in der Nachbarschaft hätte eine Schweineherde, und dieser sei das Lamm zugelaufen und hätte sich dort unter die Ferkel gemischt.

      Nun wußte der Kadi genug und eilte ganz atemlos zu seiner Mutter. »Höre!« redete er sie ernst an, »sage, wer war mein Vater? ...« Weinerlich sagte die Frau: »Was schreiest du so? Dein Vater war ein Effendi, ein gelehrter Herr, wie du es bist.« – »Gut«, sagte er, »aber wie hieß er? Sag's schnell! ...« Die erschrockene Frau nannte nun einen Namen, den er vorher nie gehört.

      Bestürzt ging der Kadi fort und zu Mussa, dem Kaufmann, vor dessen Laden die drei Bauernburschen saßen und ruhig der Dinge warteten, die da kommen sollten. »Es hilft dir gar nichts«, sagte der Kadi zu Mussa, »gib nur die Stute heraus!« Da führte sie Mussa in seinen Stall, in dem eine lange Pferdereihe stand und sagte niedergeschlagen: »Gut denn! Lieber will ich einmal erröten als hundertmal erbleichen ... Als ich eines tags mit meinen Warenpferden auf der Straße zog, schloß sich uns ein freiweidendes Pferd an und wir legten ihm den Frachtensattel auf. Ich will es euch mit Waren beladen wiedergeben.«

      Und so zogen die drei Brüder ab. Der Kadi und Mussa, der Kaufmann, saßen aber noch lange in dem Laden des letzteren beisammen, tranken ein Schälchen Kaffee nach dem andern und strichen sich schweigend den Bart.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Der Zigeuner und die Riesen

      In einem Walde stand eine einsame Mühle, in welcher seit langer Zeit niemand zu wohnen oder gar zu mahlen wagte, weil es hieß, daß es darin geistere. Nun hatte ein Zigeuner einen Sack Maiskörner gestohlen, und er dachte so hin und her, wie er sie wohl vermahlen könnte, ohne erwischt zu werden. Da fiel ihm die Mühle ein, und er sagte zu seinem Weibe: »Steck' mir Brot und ein Stück jungen Käse in den Rucksack; ich will heute Nacht den Mais in der Waldmühle mahlen.«

      In der Mühle zündete er ein Kienholz an, verrammelte die Türe und setzte das Mahlwerk in Gang. Das Geklapper hörte ein Riese, der sich auf dem Heimwege verspätet hatte. Neugierig kam er näher und klopfte an die Türe: »Mach' auf!« »Mach' nicht auf!« versetzte der Zigeuner. »Mach' auf!« brüllte der Riese, »oder ich schlage das Dach ein!« Da holte der Zigeuner rasch den Käse aus dem Sack, streckte die Hand durch ein Mauerloch hinaus und quetschte den Käse, daß der Saft heruntertroff. »Schau her, du Polterer,« sagte er mitleidigen Tones; »so wie ich diesen Stein hier quetsche, daß das Wasser herausläuft, so werde ich dir die Gedärme und das Hirn herausquetschen.«

      Dem Riesen wurde es unheimlich, und er meinte begütigend: »Wenn du ein solcher Held bist, so könnten wir uns zusammentun, denn ich bin auch nicht gerade der Letzte.« Der Zigeuner ließ ihn nun in die Mühle, und da saßen sie bis zum Morgen und erzählten einander ihre Großtaten. Endlich wurde der Riese hungrig und fragte: »Was werden wir frühstücken?« – »Ich habe, was ich brauche und du such' dir, was du brauchst,« sagte der Zigeuner. Hierauf entgegnete der Riese: »Ich werde einen Ochsen suchen und ihn hertreiben; den können wir dann zusammen essen. Du mußt aber indessen das Holz zum braten herbeischaffen.« – Der Riese brachte nun einen Ochsen von der nächsten Weide, schlachtete ihn und wollte ihn auf den Bratspieß stecken; aber der Zigeuner war noch immer nicht aus dem Holz zurück, und somit hatte der Riese auch keinen Bratspieß. Er ging also um nachzusehen, und da fand er den Zigeuner, wie er rings um eine Buche einen Graben grub. »Was treibst du da?« machte der Riese erstaunt. »Schweig und wart'! Ich werde nicht immer hin und herlaufen, sondern will gleich die ganze Buche ausgraben und zur Mühle tragen.« –

      »Was soll uns die ganze Buche!« zürnte der Riese, brach ungeduldig einige gewaltige Äste ab und lief mit einer ganzen Wagenladung Holz auf den Schultern davon.

      »Willst du den Ochsen drehen, oder willst du Wasser holen?« fragte er dann den Zigeuner. Dieser erwiderte: »Ich will den Ochsen drehen.« Der Riese nahm also die Büffelhaut und ging um Wasser. Als er zurückkam, war die eine Seite des Ochsen bereits gar gebraten, aber die andere noch ganz roh. »Warum drehst du denn den Ochsen nicht, damit er sich schön gleichmäßig brät?« schalt der Riese; doch der Zigeuner erwiderte gleichmütig: »Ich habe genug Gebratenes, und wer mehr braucht, der soll nur selbst drehen.« Der Riese briet also selbst den Ochsen fertig und sagte hierauf: »Jetzt wird sich's beim Essen zeigen, wer der größere Held ist.« – Jeder setzte sich an eine Seite des Ochsen und aß drauf los. Dabei aber stopfte sich der Zigeuner alle Taschen und den Rucksack voll, und als der Riese endlich keuchend zu essen aufhörte, mußte er zugeben, daß der Zigeuner ein größeres Loch in den Ochsen gerissen hatte, als er. »Lieber Bruder«, sagte er gerührt und umarmte den Zigeuner, »komm' mit mir, damit ich meinen Leuten einen so großen Helden zeigen kann.« Dem Zigeuner war es recht, und so gingen sie miteinander. Als sie schon in der Nähe des Hauses waren, wo die Riesen wohnten, fanden sie diese im Obstgarten Kirschen suchend. Sie bogen dabei die Gipfel der Bäume mit einer Hand zu sich nieder und pflückten mit der anderen die Kirschen. Dies gefiel dem Zigeuner. Er tat so, als ob er helfe einem Riesen den Gipfel niederzuhalten und dabei aß er, was er mit der anderen Hand erlangen konnte. Da plötzlich ließ der Riese los, und unser Zigeuner flog mit dem hinaufschnellenden Ast über den Baum und fiel – krrch! – mitten in ein Gestrüppe, in dem sich ein Dohlennest mit einer jungen Dohle befand. Er steckte den Vogel in die Tasche und tat, als wäre nichts geschehen. »Warum hast du denn losgelassen?« fragte ihn der Riese. »Losgelassen?! Ich sah einen Vogel drüben fliegen und bin ihm nachgesprungen, um ihn zu fangen. Hier ist er!« Und er zeigte ihnen die Dohle. Da lief ein Hase vorbei. »Schnell, Riese, schnell, fang ihn!« rief der Zigeuner. Der Riese lief und lief, aber den Hasen holte er nicht ein. Geringschätzend sagte der Zigeuner zu ihm: »Du freilich könntest keinen Vogel in der Luft fangen, da du nicht einmal etwas, was auf der Erde läuft, erwischen kannst.«
      Die Riesen staunten und führten den Zigeuner in ihr Haus zu ihrem Starjeschina1, und als sie diesem die geschauten Heldentaten erzählt, lud er den Zigeuner ein, für immer bei ihnen zu bleiben.
      Am nächsten Morgen schickte der Starjeschina zwei Riesen und den Zigeuner um Wasser und gab jedem eine zusammengerollte Büffelhaut. Der arme Zigeuner konnte kaum die leere Haut schleppen; was sollte er erst mit der vollen anfangen! Bald trug er sie, bald schleifte er sie hinter sich her, und dabei dachte er nach, wie er sich aus dieser Verlegenheit ziehen könne.

      An der Quelle füllten die Riesen ihre gewaltigen Büffelschläuche; der Zigeuner aber nahm einen Spaten und begann von der Quelle gegen das Haus der Riesen zu einen kleinen Graben zu ziehen.
      »Was soll das sein?« fragten die Riesen. »Na, seht ihrs denn nicht?« entgegnete der Zigeuner; »wozu soll man denn jeden Tag Wasser schleppen? Ich werde das Wasser auf unser Haus zuleiten, dann haben wir es immer frisch.«
      »Tu's nicht«, baten die Riesen, »das Wasser würde unser Haus überschwemmen.« – »Ich tu's doch und doch«, beharrte er, »oder ich werde euch kein Wasser holen.«
      »So lass' es bleiben, lieber Zigeuner«, sagten die Riesen »und wir wollen dich und deinen vollen Büffelbalg nach Hausetragen.«
      Daheim berichteten sie dem Starjeschina, vor welcher Gefahr sie das Haus bewahrten, und dieser meinte: »Wenn das so ist, so will ich ihn nur mehr ins Holz schicken.«

      Er schickte ihn also am nächsten Tage mit den anderen Riesen ins Holz. Als sie ins Gebirge kamen, suchte sich jeder eine große Buche aus, fällte sie und nahm sie dann auf die Schulter. Der Zigeuner aber hatte sich einen fünfzig Ellen langen Strick mitgebracht und schlang diesen um ein ganzes Gehölz.
      »Was soll das werden?« fragten die Riesen.
      »Pah, gar nichts! Warum soll nur ich jeden Tag um Holz rennen, wenn ich auf einmal so viel heimtragen kann, daß wir für zehn oder fünfzehn Tage genug haben!«
      »Tu's nicht, lieber Zigeuner«, baten die Riesen, »du wirst uns sonst den ganzen Hof und den Flur vollstopfen, so daß wir ins Haus werden hineinklettern müssen.«
      »Ich tu's aber doch und tu's doch, oder ich trage euch kein Holz!«
      »So lasse es nur bleiben, und wir wollen noch dich und deine Buche nach Hause tragen«, sagten die Riesen.
      Als die Riesen daheim die neue Heldentat des Zigeuners erzählten, wurde es den übrigen bange. Der Starjeschina beriet sich mit ihnen und sagte dann zu dem Zigeuner: »Unser Haus ist wahrlich zu enge für so viele. Hier hast du fünfzig Dukaten und gehe von uns!«

      »Fällt mir nicht ein«, erwiderte der Schlingel, »denn mir geht es hier beinahe zu gut. Wir passen zusammen, wie Fingerspitze und Nagel.«

      Der Zigeuner schlief in der Küche beim Herde, wo es hübsch warm war. Da hörte er nachts, wie die Riesen in der Stube untereinander sprachen:

      »Es gibt gar nichts anderes, als daß wir ihn umbringen, um uns zu befreien.«
      Wie der Zigeuner das hörte, nahm er aus dem Winkel einen Sattel, legte ihn auf sein Lager, deckte ihn zu, und er selbst legte sich in den Winkel. Es dauerte nicht lange, so schlich ein Riese mit einem großen, eisernen Hammer heraus aus der Stube und zu der Liegestatt des Zigeuners. Dann hörte man: Kr! Kr! Kr! ... Der Riese sprach zu sich: »Jetzt ist er fertig« und ging schlafen.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Der Zigeuner warf den Sattel wieder in den Winkel, stand vor Sonnenaufgang auf, fachte Feuer auf dem Herde an und begann lustig zu singen. Die Riesen liefen herbei, und als sie den Zigeuner gemütlich auf dem Herde sitzen sahen, fragten sie ihm verwundert: »Wie hast du denn geschlafen?«
      »Niemals besser, als heute Nacht! Nur haben mich, scheint mir, zwei, drei Flöhe gebissen; genau weiß ichs nicht, wie viele ihrer waren.«

      Staunend stießen die Riesen einander heimlich an und schwiegen. Später sprach ihr Starjeschina abermals zu dem Zigeuner:

      »Unser Haus ist uns wirklich zu klein, und im Grunde genommen gehörst du doch nicht zu uns, wenn du auch ein Held bist. Hier hast du hundert Dukaten und gehe, woher du gekommen bist.«
      »Nicht wenn du mir tausend gibst«, entgegnete der Zigeuner; »dazu geht es mir hier viel zu gut. Wozu denn auch? Daheim schreit nach mir kein Kind, und kein hustender Alter wartet auf mich!«

      Da es Feiertag war, so ruhte die Arbeit, und die Riesen gingen auf eine Wiese, um sich im Steinwerfen zu üben, wie dies doch jeder von uns tut, auch wenn er kein Riese ist. Sie nahmen, so wie andere, einen Steinblock auf die flache Hand, erhoben ihn zur Schulterhöhe und schleuderten ihn weit vor sich hin. Als die Reihe an den Zigeuner kam, fragte er: »Wem gehört jene Burg dort mit dem hohen Turm?« – »Warum willst du das wissen?« erwiderten die Riesen. »Schweigt und schaut«, machte der Zigeuner erbost, »denn gleich wird der Turm fliegen.« – »Nicht doch, nicht doch«, schrieen jetzt alle Riesen, »wirf den Stein nach einer anderen Seite! Dort wohnt unser Kaiser, und es kostet unsere Köpfe, wenn du nach dem Turme wirfst.«

      »Was kümmerts mich«, schrie der Zigeuner, »ich fürchte nicht ihn und nicht euch!« Und damit streckte er sich die Ärmel auf.

      Jetzt umringten ihn die Riesen. »Lieber Zigeuner, teurer Bruder, höre, lass' dir sagen! Wir geben dir eine Büffelhaut voll Dukaten, nur mach', daß du fortkommst. Wir wollen dich auch noch obendrein nach deinem Hause tragen, damit du dich nicht selbst bemühst.«

      Da sich der Frosch gerne ins Wasser treiben läßt, so gab der Zigeuner nach und nahm Abschied. Er saß einem Riesen rittlings auf dem Nacken und hinter ihm schleppten ihrer zwei gehörig an der mit Dukaten angefüllten Büffelhaut. Als sie abzogen, hörte er den Starjeschina leise zu den Riesen sagen: »Es wäre mir recht, wenn ihr die Dukaten nicht dortlassen müßtet«, aber er tat nichts dergleichen. Sie kamen nun zu des Zigeuners Behausung und krochen durch die niedrige Türe. Beim Bücken ächzte einer der Dukatenträger: »Uffff!«, und wie von einem Windstoß erfaßt, flog der Zigeuner hinauf in das Dachgebälk.
      »Was soll das?« fragten die Riesen.

      »Wartet, jetzt wird euch mein Rauchfang die Antwort geben und ihr könnt sie eurem Starjeschina bringen, wenn ihr lebend nach Hause kommt!«

      Die Riesen flüchteten sich eiligst, und der Zigeuner behielt die Büffelhaut mit den vielen gelben Dukaten. Es waren ihrer mehr, als wir alle zusammen nötig hätten.

      Fußnoten

      1 Haupt einer Hausgemeinschaft.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Die Bärenprinzessin

      Eine arme Witwe hatte eine Tochter. Redlich plagte sie sich ab, um sie großzuziehen. Bald wurde aus dem stillen Kinde eine feine, bleiche Jungfrau mit langen, glitzernden, feuerroten Haaren, deretwegen sie »Flammenhaar« genannt wurde. Ihre schwarzen Augenbrauen bildeten einen einzigen langen Bogen; ihre Augen jedoch hatte noch niemand gesehen, da sie sie stets niederschlug. Schamhaftigkeit ist die beste Zier eines Mädchens, und da Flammenhaar auch dieser nicht entbehrte, so war sie die Schönste weit und breit. Kaum zwölf Sommer alt, hatte sie schon viele Freier; aber sie mochte keinen, sprach selten ein Wort und blickte stets nur vor sich hin.
      Da wurde die Witwe recht böse und schalt ihre Tochter: »Du bist jetzt erwachsen, und ich habe es satt für dich zu sorgen. Wähle daher einen deiner Freier. Ist dir aber keiner recht, so gehe in den Wald und heirate einen Bären. Du magst dann Bärenkönigin werden. Bis dahin jedoch mache, daß du ins Holz kommst und arbeite tüchtig.«

      Die bleiche Jungfrau schwieg und ging in den Wald um dürres Holz zu suchen. Dabei verirrte sie sich und fand keinen Ausweg mehr aus dem wilden Gebirge. Traurig setzte sie sich auf eine Waldblöße und gedachte der harten Worte der Mutter; dabei spielten die Sonnenstrahlen mit dem wehenden Feuerhaare, das wie eine brennende Fackel in das Waldesdunkel hineinleuchtete. Da fühlte sie sich plötzlich weich umarmt, und aufblickend sah sie sich in der Gewalt eines mächtigen Bären, der ein winziges Krönlein ober der breiten Stirne trug. Er sah sie freundlich mit menschlich klugen Augen an, hob sie sacht auf und trug sie in seine Höhle, wo er die Müde auf ein Lager von weichem Moos bettete. Dann ging er fort, um Obst und Honig für sie zu holen, schob jedoch vorher einen Felsblock vor den Eingang, damit sie nicht entwiche. Aber sie dachte gar nicht daran, sondern saß still und ruhig da, als ob sich jetzt ihr Schicksal erfüllt hätte. Allmälig lernte sie das Gebrumme des Bären als dessen Sprache verstehen, und er lehrte sie vieles, was nur die Waldestiere wissen und das den Menschen wie Zauber erscheint.

      So wurde sie die Frau des Bärenkönigs nach der Mutter Wort. Und nach einiger Zeit bekam sie ein wunderliebliches, kleines Töchterlein mit Goldhaaren und den hellen, klugen Augen des Bärenkönigs. Dieser blickte das Kind traurig an und sagte zu seiner Frau: »Jetzt ist es vorbei, jetzt muß ich sterben. Hättest du mir einen Sohn geboren, so wäre er mir an Gestalt ähnlich geworden und hätte mein Reich nach mir geerbt. Aber ein menschliches Wesen kann das Bärenreich nicht regieren, und meine Tochter wird daher in einem Reiche von Menschen Königin werden. Verbirg sie gut vor meinem Nachfolger, denn jeder Bärenkönig darf nur ein menschliches Wesen freien; nimmt er aber eines Bärenkönigs Tochter und schenkt sie ihm keinen Sohn, so muß sie dann selbst sterben. Und so gehe ich denn von euch für immer.«

      Er nahm Abschied von der bleichen Frau und legte sein Krönlein dem Kinde in die Wiege. Dann kamen auch schon in unabsehbarer Reihe die Bären des Reiches daher, setzten ihn auf einen aus Zwergkiefern geflochtenen Thronsessel und trugen ihn feierlich zu einer Felsspalte, die tief hinein in das Berginnere führte. Der Bärenkönig blickte noch einmal um sich; dann schritt er stumm hinein in das Dunkel. Vor dem Felsspalt häuften sie gewaltige Steine übereinander, und er war begraben, noch bevor er tot war. Denn die Waldestiere verbergen stets ihr Sterben.

      Die Witwe des Bärenkönigs tat allen Schmuck ab und hüllte sich in weiße Gewänder, die ihre feurigen Locken ganz verbargen. Still lebte sie in der Höhle weiter und pflegte ihr Töchterlein, das rasch zu einem schönen Mädchen aufwuchs. Sie verbarg es sorgfältig, und mußte sie zuweilen tiefer in den Wald hineingehen, um Obst und anderes zu holen, so verwandelte sie das Mädchen in eine Kröte und hieß auch diese unter einem Steine sich verstecken.

      Während nun die Tochter des Bärenkönigs in der Waldhöhle heranblüte, wuchsen dem Könige, dem das ganze Land gehörte, auch drei Söhne heran. Da wurde eines Tages die Königin schwer krank. Sie rief ihren Gemahl an ihr Lager und sagte ihm: »Ich bitte dich beim heiligen Gotte, verheirate den ältesten deiner Söhne nicht eher, als bis auch die beiden jüngeren so alt sind, um sich ein Weib nehmen zu können. Dann lasse alle drei auf einmal Hochzeit machen. Wenn du diesen meinen Willen nicht erfüllen willst, so will ich dich auch nicht segnen.«
      Mit diesen Worten verschied sie. – Der König nahm sich vor, nach ihrem Willen zu handeln, und als auch der jüngste Sohn heiratsfähig war, berief er alle drei zu sich und sprach zu ihnen: »Ihr seid nunmehr erwachsen, und es ist der Wille eurer verstorbenen Mutter, daß ihr euch gleichzeitig vermählt. Gehet also hinauf auf den alten Turm unserer Burg, und der älteste möge dort ein Brett aus dem schwarzen Dache heben. Aus diesem Brette schnitzet drei gleiche Bogen und drei gleiche Pfeile, und schießet diese durch die Lücke im Dache ab. Wo eure Pfeile niederfallen, dort werdet ihr eure Frauen finden. Also geht und lasset sehen, welcherart euer Glück ist.«
      Die Söhne folgten dem Rate des Vaters und schossen nacheinander ihre Pfeile ab. Die der beiden älteren flogen in die Königsschlösser von zwei Nachbarreichen; der Pfeil des jüngsten aber verschwand in einem großen Walde. Da ging der König hin und freite zwei Töchter der Nachbarkönige für seine älteren Söhne; zu seinem jüngsten aber sagte er: »Gehe du nur selbst in den Wald und such' dir dein Glück.«

      Der junge Prinz schnürte also sein Ränzel und ging in den Wald. Drei lange Tage suchte er kreuz und quer vergeblich nach einem Zeichen; das Brot in seinem Rucksack war zu Ende, und er war müde und hungrig. Er schämte sich, unverrichteter Sache heim zu kommen, sonst wäre er gleich umgekehrt. Und wie er so nachsann, was nun zu tun wäre, da sah er oben in einem Fichtenbaum seinen Pfeil stecken, dessen Schaft mit einem goldgestickten Freierstüchlein umwunden war. Er blickte um sich, ob nicht ein Haus in der Nähe wäre. Da bemerkte er, daß die Fichte vor dem Eingang zu einer Höhle stand. Der Platz davor war sauber gekehrt, und drinnen fand er den Herd und das Geschirr in Ordnung; aber es war kein Mensch zu sehen.
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...



    • Er suchte nun draußen umher und sah dabei im Grase eine große Kröte. Schon hob er den Fuß, um sie zu zertreten, da sagte eine feine Stimme: »Tue mir nichts zuleide, denn ich bin dein Glück.«
      Zuerst erschrak er, aber dann faßte er sich und sagte: »Wenn du wirklich mein Glück bist, so mußt du mit mir kommen!« Darauf hob er die Kröte auf, steckte sie in den Rucksack und trug sie heim. Zu Hause hatte er ein Zimmer für sich, und dort tat er die Kröte in einen Wandschrank und erzählte niemandem von seinem Erlebnis. Doch der alte König mußte etwas bemerkt haben, denn er sagte zornig zu seinem Jüngsten: »Ist wohl was Rechtes, dieses dein Glück!« Traurig antwortete der Sohn: »Ich will meinen Brüdern nicht im Wege stehen; sie mögen Hochzeit machen, und der Mutter Fluch will ich auf mich nehmen.« Trotzdem gedachte der König noch eine Weile zu warten.

      Da ereignete es sich, daß der jüngste Prinz niemals etwas Ordentliches zu essen bekam. Der Koch stellte ihm das Mittag- und Nachtmahl immer in sein Zimmer, aber bis der Prinz dazukam und essen wollte, war alles durcheinander geworfen, und die Hälfte fehlte. Der Prinz schalt nun den Koch: »Worin bin ich schlechter, als meine Brüder, daß ihr mich so nachlässig bedient?« Als nun der Koch sagte, er bereite das Essen so sorgfältig wie zuvor, hieß ihn der Prinz vor seinen Augen die Speisen bereiten, auf das Zimmer tragen, und hierauf sofort das Zimmer verlassen. Der Koch tat so. Der Prinz wartete noch eine Weile vor der Stubentüre und trat dann unvermutet ein. Da saß vor dem Speiseschemel ein schönes Mädchen mit einem Krönlein auf den Goldhaaren und leerte eine Schüssel nach der andern. Erschrocken sprang sie auf und wollte sich in den Wandschrank verstecken; er aber kam ihr zuvor, öffnete den Schrank und fand darin eine Krötenhaut, die er ins Feuer warf. »Jao! jao!« jammerte sie und schlug sich auf die Kniee, »ich muß nun für ewig in dieser Gestalt bleiben.« – »So ist es mir auch ganz recht«, meinte der Prinz. Darauf erzählte sie ihm, sie sei die Bärenprinzessin, und er nahm sie an der Hand und führte sie zu seinem Vater. Dieser dachte lange nach, was er nun tun solle. Dann schickte er einen Zug von Hochzeitsgästen nach den beiden Königstöchtern. Als sie ankamen, sagte er, daß nun Hochzeit gemacht werden solle; vorher aber möchten sich alle drei zu einem Mahle niedersetzen. Das taten sie denn auch, und er sah, wie die beiden Königstöchter immer einen Bissen in der Kehle, einen zwischen den Zähnen und einen zwischen den Fingern hatten, und als sie aufstanden, schüttelten sie die Brotkrumen aus ihrem Schoß auf den Teppich. Die Bärenprinzessin dagegen schluckte immer einen Bissen hinunter, bevor sie den andern nahm, und als sie aufstand, schüttelte sie von ihren Kleidern die Krumen auf einen Teller, wobei sie sich in Dukaten verwandelten.

      Da dachte der König: »So etwas kann man immer brauchen«, und verlangte von seinem jüngsten Sohne, er möge ihm das Mädchen überlassen, er wolle es selbst heiraten. Als der Prinz davon nichts hören wollte, sagte der König: »Gut, aber dann muß sie aus einem einzigen Stück Stoff für alle meine Soldaten Kleider nähen, oder auch du darfst sie nicht heiraten.« Der Prinz weinte bitterlich, und als ihn die Bärenprinzessin nach dem Grunde fragte, klagte er: »Mein Vater hat ein hartes Wort gesprochen,« und erzählte ihr dann alles. Da lachte sie und sagte: »Gehe du dorthin, wo du mich fandest, und rufe dreimal vor der Höhle: ›Flammenhaar erscheine!‹ Dann wird meine Mutter kommen und du sagst ihr: ›Deine Tochter grüßt dich und du mögest ihr für eine Weile das Stück Stoff schicken, aus dem du immer deine Kleider nähest!‹« Der Prinz tat wie das Mädchen sagte, und als er dreimal gerufen: »Flammenhaar erscheine!«, da erschien die bleiche Frau in den weißen Gewändern und sagte leise: »Was wünschest du, Schwiegersohn?« worauf er ihr sagte, was ihn hergeführt. Sie gab ihm das Verlangte, ließ die Tochter grüßen und verschwand wie ein Nebelstreif. – Die Bärenprinzessin nähte nun aus dem kleinen Stoffende Kleider für das ganze Heer, und es blieb noch so viel übrig, als früher da war. Der König dachte: »So etwas kann man immer brauchen«, sperrte sich in sein Zimmer, um zu überlegen, und schließlich sprach er zu seinem Sohne: »Du mußt mir doch das Mädchen geben, oder sie möge in einem einzigen Kessel soviel Maisbrei kochen, daß mein ganzes Heer davon satt wird.« – Da weinte der Prinz abermals und sagte zu der Bärenprinzessin: »Mein Vater hat ein hartes Wort gesprochen, und jetzt werden wir wohl nicht wissen was tun.« Doch sie lachte auch jetzt und schickte ihn nochmals zu ihrer Mutter. Er rief also vor der Höhle wieder dreimal: »Flammenhaar erscheine!«, und die bleiche Frau kam heraus, gab ihm den kleinen Kessel, in dem sie immer den Mundvorrat kochte, grüßte ihre Tochter und verschwand. Und die Bärenprinzessin kochte in dem kleinen Kessel für das ganze Heer Maisbrei und es blieb noch genug übrig.

      Der Kessel gefiel dem König ganz besonders. Er dachte eine Woche lang nach und meinte dann: »So etwas kann man wirklich immer brauchen.« Darnach sprach er zu seinem Sohne: »Ich muß das Mädchen allen Ernstes haben und will sie nur freigeben, wenn sie mir den Ring wiederbringt, den meine Frau, die Königin, in jene Welt mitgenommen hat.« Der Prinz jammerte laut auf: »Ach, was soll mir mein ganzes Leben!«, und auch die Bärenprinzessin lachte nicht, sondern sagte nur: »Gehe noch einmal zu meiner Mutter und bitte sie, daß sie uns zu dem Ring verhilft, wenn sie es vermag, oder sie soll für ihr Kind anders Rat schaffen.« Und so ging der Prinz wieder zu der Felsenhöhle im Walde und rief nach Flammenhaar. Als er der bleichen Frau alles berichtet, sagte sie: »Fasse mich am Saum meines Gewandes und folge mir ohne dich umzublicken, oder den Kopf zu wenden.« So schritten sie durch die Höhle. Dann öffnete sich ein Weg, der weiter durch die Erde führte. Sie kamen durch grünlich und bläulich glitzernde Felsengewölbe, in denen sie schreckliche Dinge sahen. Da kroch eine ekle Schlange aus einer Ecke in die andere und trank gierig Eier aus. »Das ist«, flüsterte die bleiche Frau, »ein Mädchen, das ihrer Mutter aus der Speisekammer Eier stahl und austrank. Deshalb hat sie der liebe Gott in eine Schlange verwandelt und sie muß bis zum jüngsten Gericht Eier stehlen.« Dann sahen sie einen Mann und ein Weib mit den Füßen nach oben von der Decke hängen, die unaufhörlich mit ihren Rücken gegeneinander schlugen, daß es nur so dröhnte. »Das ist ein Ehepaar, das sich auf Erden miteinander nicht vertrug,« erklärte die bleiche Frau. Weiter sahen sie ein aufgehängtes kleines Kind, von welchem Blut herunter troff, das eine schwarze Hündin aufleckte. »Diese Hündin ist ein unseliges Weib, das ihr eigenes Kind erwürgte,« erklärte Flammenhaar. Dann kamen sie an zwei Männern vorüber, die an Bratspießen staken: unter ihnen brannte ein Feuer, so groß wie in einem Kalkofen, und indem sie einander gegenseitig drehten, fragte der eine fortwährend zähneklappernd: »Friert es dich, Kamerad?«, worauf der andere stets antwortete: »Uhuhuhu, es friert mich fürchterlich!« – »Diese beiden haben zu Lebzeiten Einzäunungen und Zaunpfähle gestohlen und sich daran gewärmt.«

      Dem Jüngling graute es so, daß es ihm schwer wurde, den Kopf nicht abzuwenden. Deshalb glitt die bleiche Frau rascher dahin, und kaum den Boden berührend folgte er ihr auf eine weite, lichte Fläche, auf welcher in unzähligen großen Cisternen siedendes Wasser brodelte, und in diesen drehten sich jammernde Menschen herum. Bei einer solchen Cisterne hielt die bleiche Frau und sagte: »Dort ist deine Mutter!« Entsetzt blickte er hin und sah wirklich seine Mutter in dem siedenden Wasser. Sie streckte die Hand mit dem Ringe heraus und rief: »Zieh ihn schnell ab, mein Sohn, denn sie lassen mir nicht Zeit! Und dann sage dem Könige, daß ich ihn grüßen lasse, und er möge die dreißig Oka Kirschen bezahlen, die ich schuldig geblieben bin. Wenn es nicht wegen dieser Kirschen ist, so weiß ich nicht, weshalb mich Gott in das Fegfeuer warf!« Dann tauchte sie unter. Der Jüngling ergriff von neuem den Saum des weißen Gewandes und schloß die Augen. Rasch glitten sie denselben Weg zurück und waren bald wieder in der Felshöhle. Dort sagte die bleiche Frau: »Nun trage deinem Vater den Ring hin und sage ihm mit einem Gruß von mir, er möge dir endlich meine Tochter vermählen, sonst wird sich sein Wortbruch rächen.«

      Als der Prinz dem König alles berichtet hatte, da erschrack dieser und ließ allsogleich alle seine Untertanen und sein ganzes Heer zusammen rufen. Es wurden auf einer großen Wiese Ochsen und Lämmer am Spieße gebraten, und bis zur Mittagsstunde durften sich alle gütlich tun und nach Herzenslust singen. Dann aber befahlen Ausrufer im Namen des Königs Stillschweigen, und hierauf wurde derjenige aufgerufen, dem die verstorbene Königin dreißig Oka Kirschen schuldig geblieben war. Er möge sich melden, damit die Schuld beglichen werde. Endlich meldete sich ein armer Mann. Er wurde vor den König geführt, dieser zog dreißig Dukaten heraus und sagte: »Da nimm das mit Dank und Segen!« Der Mann aber entgegnete: »Mächtiger König, ich nehme nicht mehr als dreißig Heller, soviel wie ich mit der Königin ausgemacht habe.« Der König gab ihm nun dreißig Heller und sagte: »Ich bitte dich wie meinen leiblichen Bruder, segne nun ihr Andenken.« Und der Mann erwiderte: »Hätte ich das gewußt, ich hätte sie trotzdem hundertmal im Tage gesegnet. Möge ihre gute Seele alle Freuden des Paradieses schauen!«
      Der Götter Freund und aller Hobbyheiden Feind

      Ich hab immer ein Messer dabei, falls es Kuchen gibt oder so...